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Junge Ukrainer in Polen : „Wir haben Angst“

„Putin wird vor nichts zurückschrecken“: In Polen hat sich lange vor dem Krieg eine junge ukrainische Community etwas aufgebaut. Eine Reportage aus Wrocław.

Junge Ukrainer in Polen : "Wir haben Angst"

Gute Nachbarn. Auf dem Hauptbahnhof von Wrocław kommen Züge mit Flüchtenden aus der Ukraine an.Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Übersetzt aus dem Französischen von Odile Kennel

Das Paloma Coffee am Plac Solny in der Altstadt von Wrocław ist zum Treffpunkt der jungen ukrainischen Expats der Stadt geworden. Paloma, wie die Friedenstaube, die in ihrem Land nichts mehr zu sagen hat. In einem kleinen Raum im hinteren Teil des Cafés röstet Anton, der Besitzer, brasilianische, kolumbianische und honduranische Bohnen selbst.

Er ist Ukrainer aus Cherson und lebt seit sechs Jahren mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Wrocław. „Drei Söhne. Ein Jahr. Drei Jahre. Sechs Jahre“, sagt er.

Anton hat die Ukraine 2015 nach dem Euromaidan verlassen. In seinem Heimatland war er Staatsanwalt, aber nach zwei Jahren Arbeit hatte er genug: „Zu viel Korruption. Alle hassen die Staatsanwälte. Und jeden Tag zwölf Stunden Arbeit, auch am Wochenende. Ich habe beschlossen, in Polen ein neues Leben zu beginnen. Ich fühle mich wohl hier. Die Polen sind die bessere Version der Ukrainer, und dazu gibt es hier politische und wirtschaftliche Stabilität. Polen ist das Tor zu Europa. Letzten Sommer haben wir den Ätna bestiegen. Mit drei Kindern!“

Im Paloma Coffee tut man alles, um seine Solidarität zu zeigen. Blau-gelbe Blumensträuße auf den Tischen, ukrainische Flaggen auf der Kuchentheke. Anton und seine Frau haben die Konditorin der Filiale in Cherson und ihren neunjährigen Sohn bei sich zu Hause aufgenommen. Anton hat sie mit dem Auto an der Grenze abgeholt.

„Es bringt nichts, unerfahren in den Krieg zu ziehen“

Er zeigt ein Foto auf seinem Handy. Im Halbdunkel eines von einer Glühbirne an der Decke kaum erleuchteten Kellers Menschen, in dicke Anoraks gehüllt, die Kinder in Decken gewickelt. „Das sind meine Angestellten, die in Cherson geblieben sind“, sagt er.

Doch wenn man Anton fragt, ob er daran denkt, in den Krieg zu ziehen, verzerrt sich sein Gesicht. Der so selbstbewusste Familienvater weint. „Meine Frau will das nicht. Wir haben drei Kinder.“

Diejenigen, die beschließen zu bleiben, fühlen sich hier nützlicher. Filip, ein Stammgast des Paloma, sitzt mit einer Gruppe von Freunden um einen Tisch und fragt sich: „Bringt es wirklich etwas, so unerfahren in den Krieg zu ziehen?“ Filip, Tetiana, Ana und Adam sind in ständiger Alarmbereitschaft und hängen von morgens bis abends an ihren Handys.

Alle paar Minuten leuchten Nachrichten auf der Telegram-App ihres Displays auf. Sie schlafen nachts kaum noch, und wenn sie sehr früh am Morgen aufwachen, stürzen sie sich zuerst auf ihre Handys: Ist ihren Eltern, Verwandten und Freunden in der Ukraine etwas zugestoßen?

Wenn diese im Westen des Landes leben, haben sie Glück und sind bisher vom Krieg verschont geblieben. Doch diejenigen, die in Kiew sind, schicken ihnen „fast unwirkliche“ Selfies, so Ana.

Sie sind jung und hochqualifiziert

Ihre Eltern in den Gängen der U-Bahn zusammengedrängt. Als die russische Armee in die Ukraine einmarschierte, plante Tetiana einen Skiurlaub in den Dolomiten mit einer Gruppe von Freunden auf beiden Seiten der Grenze. Die Reise wurde abgesagt. „Vor einer Woche tauschten wir noch Nachrichten aus im Stil von: Wie viele Pullover packst du ein? Jetzt packen einige meiner Freunde ihre Taschen, um in den Kampf zu ziehen.“

Tetiana ist 33. Sie arbeitet seit fünf Jahren in Wrocław als Informatikerin in einem großen Unternehmen. Ana kam mit einem Stipendium aus Kiew, um an der Universität Wrocław Biotechnologie zu studieren: „Wir wollten einfach nur etwas von der Welt sehen, wie alle jungen Leute in unserem Alter im restlichen Europa.“

Tetiana hat ihr Schlafzimmer einer ukrainischen Mutter und ihrem neunjährigen Sohn überlassen. Der Ehemann ist in der Ukraine geblieben. Tetiana hat ihnen einen Schlüssel in die Hand gedrückt und den Kühlschrank gefüllt. Sie schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Für sie ist es das Mindeste, was sie tun kann: „Mein Bruder in der Ukraine ist dreißig und hat Politikwissenschaften studiert. Er hat sich freiwillig zum Kämpfen gemeldet. Er hat Waffen bekommen. Er ist mein Held. Bevor er sich der Armee angeschlossen hat, hat er seine Frau im Westen des Landes in Sicherheit gebracht. Drei Tage hat die Reise gedauert, so voll waren die Straßen.“

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Tetiana hat diesen grimmigen Humor, den man in ausweglosen Situationen entfaltet. Um sich Mut zu machen, um dem Schicksal zu trotzen, um sich zu schützen. Sie hätte gerne, dass ihre Eltern zu ihr nach Polen kommen. Aber sie weigern sich. Ihre Mutter ist Apothekerin in Dnipro und möchte sich nützlich machen. Ihr Vater würde gerne wie sein Sohn kämpfen, aber er will seine Frau ungern alleine lassen.

Tetiana, Ana und Filip sind zwischen 26 und 33 Jahre alt. Sie gehören zu der jungen und hoch qualifizierten Diaspora, die sich in der 630 000 Einwohner zählenden Stadt niedergelassen hat.

Vor dem Ausbruch des Krieges war hier jeder zehnte Einwohner Ukrainer. In Polen zu arbeiten und zu leben, war keine Entscheidung aus der Not heraus, wie bei vielen ihrer Landsleute. Sie hätten es nicht nötig gehabt, ihr Land zu verlassen.

„In der Ukraine fahren Informatiker wie wir Tesla oder Porsche“, sagt Ana. „Sie verdienen sehr gut, und die Preise sind niedriger als im Westen. Warum sollten sie aus wirtschaftlichen Gründen weggehen? Nur in der Schweiz würden sie vielleicht noch mehr verdienen. Aber die Schweiz ist langweilig. Außerdem lieben wir die Ukraine. Es ist unser Land. Warum sollten wir es für immer verlassen wollen?“

„Wir sind die Nächsten auf der Liste“

Nichts gemeinsam also mit der Diaspora, den Putzfrauen in den Hotels, den Lagerarbeitern in den Supermärkten, den Uber-Fahrern, den jungen Frauen, die Maniküre machen, den Barkeepern und Kellnerinnen oder denen, die zur Erdbeerernte kommen. Diese unterbezahlten ukrainischen Arbeitskräfte ersetzen die Polen, die weiter westlich, in Großbritannien oder im reichen Deutschland arbeiten gegangen sind. Berlin ist vier Autobahnstunden von Wrocław entfernt.

„Der Status von Ukrainern in Polen ist sehr unsicher“, klagt Anton. Ohne dauerhafte Arbeitserlaubnis können sie keine Kredite aufnehmen, kein Haus bauen und sich nicht wirklich in ihr Gastland integrieren. In den letzten Jahren berichten Ukrainer in sozialen Netzwerken immer wieder von rassistischen Vorfällen.

Nicht selten spielt dabei der Zweite Weltkrieg eine Rolle, insbesondere die Ermordung von polnischen Zivilisten durch die Ukrainische Aufständische Armee, die mit den deutschen Besatzern paktierte.

Doch seit russische Panzer in die Ukraine eingedrungen sind, ist die Stadt in einer großen Welle von Solidarität vereint.

„Die polnische Regierung vollbringt wirklich Unglaubliches für uns. Sobald es den Ukrainern gelingt, die Grenze zu überqueren, sind sie in Sicherheit“, berichtet Anton. Ein Vier-Sterne-Hotel in Wrocmaw hat seine Türen für Flüchtlinge geöffnet.

Während des ganzen Gesprächs hat Adam, Anas polnischer Ehemann, kein Wort gesagt. Plötzlich verfinstert sich sein Gesicht: „Kein Wunder, dass die Polen so solidarisch sind. Wir sind die Nächsten auf der Liste. Putin wird vor nichts zurückschrecken. Wir haben Angst.“

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