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Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ : Wonach sie sich gesehnt haben

Alter Mann verliebt sich in eine junge Frau: Jenny Erpenbecks atmosphärisch dichter Liebes- und Zeitroman ist ein sprachliches Ereignis.

Jenny Erpenbecks Roman "Kairos" : Wonach sie sich gesehnt haben

Die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geborenFoto: Katharina Behling/Penguin Verlag

Kairos, das war bei den alten Griechen der flinke Glücksgott mit der frechen Stirnlocke. Wer ihm begegnete und im rechten Moment beherzt zupackte, hatte gut lachen. Alle Zögerlichen und Unaufmerksamen dagegen bekamen höchstens noch das kahle Hinterhaupt des Gottes zu sehen.

In Jenny Erpenbecks neuem Roman ereignet sich die titelgebende glückliche Gelegenheit am Abend des 11. Juli 1986. Ein Gewitter führt dazu, dass der Mittfünfziger Hans, ein Schriftsteller, und die gerade einmal 19-jährige Auszubildende Katharina in Berlin den 57er-Bus zum Alexanderplatz nehmen müssen.

Was folgt, ist ein klassischer coup de foudre. Eins führt zum anderen, und die junge Liebe wird noch am selben Abend im Bett besiegelt.
Dass es sich dabei um Hans’ Ehebett handelt, erscheint angesichts des beidseitigen Gefühlsrausches als Schönheitsfehler. Der Vater eines heranwachsenden Sohnes hat jedenfalls genug Frauengeschichten hinter sich, um zu wissen, dass man die Weichen nicht früh genug stellen kann.

Also eröffnet er seiner neuen Geliebten, er habe nicht nur eine Ehe, sondern auch ein Verhältnis mit einer Frau beim Rundfunk. Erstaunlicherweise steigern diese Umstände für Katharina, die schon mit gleichaltrigen Freunden sexuelle Erfahrungen gesammelt hat, die Anziehungskraft des satte 34 Jahre älteren Mannes eher noch.

Miefig-inzestuöse Verhältnisse

Auf den ersten Blick erzählt Jenny Erpenbeck in „Kairos“, immer im Wechsel zwischen seiner und ihrer Sicht, die schon tausend Mal gelesene Geschichte einer Amour fou, das Verhältnis eines älteren, verheirateten Mannes mit einer jungen, in mancherlei Hinsicht noch recht naiven Frau.

Und wie bei den tausend Malen zuvor geht auch diese Geschichte nicht gut aus, erweist sich das anfängliche Glück rückblickend als höchst fragwürdig. „Von jetzt an, denkt er, liegt die Verantwortung, dass es weitergeht, allein bei ihr. Er muss sich vor sich selbst schützen. (…) Sie denkt, wenn er mir alles überlässt, wird er schon sehen, was Liebe ist.“
Zu etwas Besonderem wird die Geschichte jedoch durch Ort und Zeit. Denn sie ereignet sich in der späten DDR, deren Ablaufdatum unaufhaltsam näher rückt, was freilich keine der Figuren ahnt. DDR-Spezifika zeigen sich schon früh, als die miefig-inzestuösen Verhältnisse im abgeschotteten „Arbeiter- und Bauernstaat“ deutlich werden.

Katharinas Mutter, im Naturkundemuseum tätig, errät schon nach drei Fragen beeindruckt, in welch’ gutaussehenden, klugen Intellektuellen sich ihre lebensfrohe Tochter verguckt hat. Umgekehrt erinnert sich Hans prompt daran, dieser Erika Ambach mit einem schreienden Kind am Arm vor zig Jahren auf einer Maidemonstration begegnet zu sein.

Verhunzte Liebesutopie

Wichtiger ist indes, dass die Autorin in ihren Protagonisten jenen Generationenkonflikt spiegelt, der die DDR-Gesellschaft zuletzt immer stärker beherrschte. Aufgewachsen als Sohn eines NS-Professors, ging Hans als überzeugter Sozialist in der Adenauerzeit freiwillig in die DDR und kämpft nun, Jahrzehnte später, mit seinen Enttäuschungen.

Das Zeug zum Dissidenten hat er nicht, zu sehr genießt er sein privilegiertes Leben mit einer Versorgungsstelle beim Staatsrundfunk. Seine junge, auf ihn „ungebrochen …, irgendwie sauber“ wirkende Geliebte erscheint ihm daher als passendes Objekt seiner Projektionen und Hoffnungen auf „die Geschöpfe einer neuen Zeit“ und inspiriert ihn prompt zu einem autobiografischen Roman (der ironischerweise der Wende zum Opfern fällt).

Zumal sich Katharina auch als willig und formbar erweist, nicht nur geistig. Geduldig lässt sie sich von Hans die Kompositionen Hanns Eislers, Arbeiterlieder Ernst Buschs und Stücke Bert Brechts erklären. Und anschließend bereitwillig mit seiner Vorliebe für Sadomaso-Spiele bekanntmachen („Festbinden? sagt sie und lacht.“). Man könnte Katharina, die ihren Hans bevorzugt im kurzen Rock empfängt, glatt für eine Altmännerfantasie halten.

Lange hält das Liebesglück natürlich nicht an. Nicht nur, weil Katharina bald mehr als nur Geliebte sein will und Hans wie eine Stalkerin bis in den Familienurlaub an der Ostsee folgt. Sondern weil Hans’ Liebe unkontrolliert zwischen Eifersucht, Misstrauen und Besessenheit oszilliert.

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Und da sich in Erpenbecks Roman die privaten und politischen Verhältnisse immer unauflösbarer verquicken, muss sich Hans irgendwann auch Katharinas Abstand zum real-existierenden DDR-Sozialismus eingestehen: „Abstand, denn Widerstand ist es nicht, nur etwas wie Desinteresse, politische Müdigkeit (…). So als wüsste sie nicht einmal mehr, wonach zu suchen sich lohnte.“
Der Bruch folgt, als sich Katharina, nicht ohne Hans’ Zutun, in die Arme eines Kommilitonen flüchtet.

Die Liebesutopie ist damit „verhunzt, ruiniert“, so Hans – nicht anders als jenseits des Privaten die gesellschaftliche Utopie ihres sich peu à peu auflösenden Staates. Es folgt ein anhaltendes Exerzitium, nicht nur für Katharina, auch für den Leser, der gar nicht weiß, was hier verstörender ist: Die einfallsreiche inquisitorische Quälsucht von Hans? Oder Katharinas Leidensfähigkeit und Bereitschaft zur Selbstanklage? Oder der erzählerische Aufwand, den die Autorin in diesen deutlich zu lang geratenen Kapiteln betreibt.

Furioser Museumsbesuch

Gegliedert hat Jenny Erpenbeck ihren Roman in zwei Teile. Sie entsprechen den beiden Kartons mit all den Relikten, die von dieser Liebe übrigbleiben, wie Briefe, Kalender und Notizzettel. In der etwa 2010 spielenden Rahmengeschichte wird dieses „Trümmerfeld“ nach dem Tod von Hans von der verheirateten Katharina gesichtet.

Es folgt noch ein Epilog, in dem sich Hans als ehemaliger Stasi-Informant entpuppt, was zwar zu dieser prototypisch angelegten Figur passt, im Nachhinein aber zur Geschichte nichts Wesentliches mehr beiträgt.

Jenseits der Handlung ist dieser atmosphärisch dichte Liebes- und Zeitroman, wie Erpenbecks vorangegangenen Werke, in erster Linie ein sprachliches Ereignis. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gibt es nur wenige, die so gekonnt diverse Sprachregister zu ziehen vermögen wie die auch international gefeierte Autorin, die, Jahrgang 1967, wie ihre Protagonistin das Ende der DDR in ihren frühen Zwanzigern erlebte.

In „Kairos“ wird ein Museumsbesuch furios in der Sprache antiker Mythen, Liebesleid in der des Alten Testaments und die jählings einsetzende Fruchtbarkeit ihrer Heldin in der nüchternen Terminologie der Biochemie erzählt. Dennoch wäre weniger mehr gewesen, gerät der Roman zunehmend zum breitgetretenen, leider auch humorfreien Beziehungsquark. Zumal das völlige Fehlen von Sympathieträgern der Leselust nicht gerade zuträglich ist.

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