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Horror-Sequel „Scream 5“ : Überlebensinstinkt eines Tamagotchis

Hollywoods Nostalgie-Industrie läuft weiter reibungslos: Der Meta-Horrorfilm „Scream 5“ ist in Wahrheit eine Parodie des gegenwärtigen Franchisekinos.

Horror-Sequel „Scream 5“ : Überlebensinstinkt eines Tamagotchis

Öffne nie die Tür: Tara (Jenna Ortega) hätte bei den ersten vier „Scream“-Filmen besser aufpassen sollen.Foto: Paramount

Von richtigen Horrorfilmen hat die Generation Z natürlich keine Ahnung. Auf blutige Slasher-Klassiker wie „Halloween“ und „Freitag der 13.“ (beziehungsweise das fiktive Horror-Franchise „Stab“) gucken die digital natives heute genauso verständnislos wie auf einen Tamagotchi. Die „woken“ Kids sind aufgewachsen mit elevated horror wie „Get Out“, „Midsommar“ und „The Babadook“, der das Publikum nicht mehr mit billigen Jump-Scares schockt, sondern mit sozialkritischen Kommentaren und psychologischen Verwicklungen.

Ganz ohne irre Serienkiller, die einfach nicht totzukriegen sind, und den offenen Sexismus der Klassiker, nach dem die keusche Jungfrau als final girl das Massaker überlebt. Chad (Mason Gooding), seine Schwester Mindy (Jasmin Savoy Brown) und Amber (Mikey Madison) haben bloß Verachtung übrig für die „Stab“-Filme, die so lange kommerziell ausgeschlachtet wurden, bis jegliche Originalität aus dem Konzept gepresst war.

Sechs Jahre nach dem Tod von Wes Craven gehen einem Drehbuchautor solche Scherze leicht über die Lippen – wobei, zugegeben, der Horror-Impresario sich mit seinem „Scream“-Original von 1997 selbst schon über die reaktionären Züge des Genres lustig machte, das er Ende der Siebziger miterfunden hatte. Drei Meta-Horrorfilme über die unausgesprochenen Regeln des Slasherfilms entstanden unter der Regie von Craven bis zur Jahrtausendwende, danach war das Genre dank zahlloser Nachahmer und der Parodie „Scary Movie“ (ebenfalls vier Sequels) schlimmer massakriert als Freddy Kruger, Michael Myers und der „Scream“-Killer Ghostface es gemeinsam je hätten schaffen können. Elf Jahre später versuchte Craven mit dem uninspirierten „Scream 4“ die Reihe und Figuren noch einmal wiederzubeleben. Die Fans dankten es ihm nicht.

Dieses tragische Franchise-Schicksal – vielleicht aber auch nur die verdiente Quittung für die unersättliche Raffgier Hollywoods – nimmt „Scream 5“ wiederum elf Jahre nach dem Vorgänger auf. Drehbuchautor James Vanderbilt („The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“, „Independence Day: Wiederkehr“) hat mit gescheiterten Sequels seine Erfahrung, doch wenigstens ist er vor der Rache von Ghostface (oder enttäuschten Fans) sicher.

Die Veteraninnen treffen auf ihre Erben

Die Einwohner der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Woodsboro, in der die Reihe spielt, werden alle paar Jahre von Nachahmungstätern heimgesucht. Die „Scream“-Filme gelten in der Realität des fünften Teils unter dem Titel „Stab“ als True-Crime-Klassiker, die Reihe hat es sogar auf sieben Fortsetzungen gebracht. Die Held:innen des Originals sind heute traumatisiert (der frühere Sheriff Dewey, gespielt von David Arquette), alleinerziehende Mütter (Neve Campbells Sidney) und erfolgreiche Journalistinnen in New York (Courteney Cox).

Für die Jugend von Woodsboro ist Ghostface nicht mehr als eine urbane Legende. Nur Sam (Melissa Barrera) schleppt seit über zwanzig Jahren ein Geheimnis mit sich herum – bis ihre jüngere Schwester Tara (Jenna Ortega) von einem Mann mit Geistermaske nach einem Telefonanruf attackiert wird.

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Die Überlebensregeln des Slasherfilms („Gehe nie allein in den Keller!“ – „Sag nie, ich komme gleich wieder!“) sind inzwischen komplizierter als die Gesetze des Franchisekinos. Irgendwann hauen sich die paranoiden Kids Verdächtigungen um die Ohren. „Scream 5“ macht sich einen Spaß daraus. Doch wie jeder gute Witz reitet sich auch dieser schnell tot – zumal er penetrant oft wiederholt wird. Damit es auch alle verstehen, laufen ständig Szenen aus den Originalfilmen im Hintergrund.

(In 21 Berliner Kinos, auch OV)

Keiner, der sich nur ein bisschen mit dem aktuellen Hollywoodkino auskennt, kann noch darüber lachen, wenn die Figuren erklären, wie blöd das Publikum eigentlich sei, sich wieder und wieder aufgekochten Quark wie „Matrix Resurrections“ oder „Ghostbusters: Legacy“ vor die Nase setzen zu lassen. „Scream 5“ verkauft die Formeln des modernen Franchisekinos tatsächlich als smarten Insider-Witz. Dabei wissen wir längst, welches kommerzielle Kalkül dahintersteckt, wenn heute sogenannte legacy actors aus dem Original (Arquette, Campbell, Cox) für Reboots benötigt werden. Als „Requel“ erklärt Mindy dem doofen Publikum den Film, in dem es gerade sitzt. Die arme Courteney Cox hat nach der jüngsten „Friends“-Reunion schon zum zweiten Mal dieses zweifelhafte Vergnügen.

Aber so lange Hollywoods Nostalgie-Industrie weiter Gewinne abwirft, bleiben uns Filme wie „Scream 5“ wohl nicht erspart. Und selbst auf diese Zumutung hat Autor Vanderbilt noch eine zynische Replik: „Ich bin also nur irgendeine Figur in einer blöden Fan-Fiction?“, erkennt eines der Kids irgendwann. Is‘ nicht wahr?

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