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Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

Agrarministerin Julia Klöckner legt ihre Waldstrategie vor. Der Wald soll klimafreundlich umgebaut werden, heißt es. Bei Umweltschützern erntet sie Kritik.

Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

Kein schöner Land: Die Bundesbürger lieben den Wald. 70 Prozent nutzen ihn regelmäßig zur Erholung.Foto: imago images/Andreas Vitting

Wenn es um den Wald geht, kommt Julia Klöckner ins Schwärmen. „Unser Wald ist der wichtigste Klimaschützer, Hort der biologischen Vielfalt, Arbeitgeber und Erholungsort – er ist ein Multitalent“, sagt die Agrarministerin.

Doch dem Multitalent geht es nicht besonders gut. Dürre und Trockenheit haben in den vergangenen drei Jahren viele Bäume so geschwächt, dass sie Schädlingen wie dem Borkenkäfer nichts mehr entgegensetzen konnten, Brände haben den Waldbestand weiter dezimiert. Rund 280.000 Hektar, das entspricht in etwa der Größe des Saarlands, sind geschädigt.

Mit 1,5 Milliarden Euro fördern Bund und Länder die Beseitigung von Totholz in den Wäldern und die Wiederaufforstung, auch das Bauen mit Holz wird unterstützt. Man habe das „größte ökologische Waldumbauprogramm in der Geschichte Deutschlands gestartet“, betont Klöckner.

So sieht die Waldstrategie aus

Daran will sie auch für die Zukunft anknüpfen. Am Dienstag legte die Waldministerin ihre „Waldstrategie 2050“ vor. Sie soll helfen, Wälder an den Klimawandel anzupassen, die Biodiversität besser zu schützen, eine nachhaltige Waldbewirtschaftung zu garantieren und den Wald als Erholungsort für die Bürger zu erhalten. Dazu soll es Beratung, Planung und Fördermittel geben.

Waldbesitzer sollen zudem für die Klimaschutzleistung der Wälder honoriert werden, sagte Klöckner, konkret soll das in der nächsten Wahlperiode beschlossen werden. Neubauten sollen künftig zu 30 Prozent aus Holz gebaut werden.

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Warum der Wald so wichtig ist

Rund ein Drittel Deutschlands ist bewaldet, Wald erstreckt sich hierzulande auf 11,4 Millionen Hektar. Der Wald ist ein wichtiger Verbündeter im Kampf um das Klima. Denn Bäume speichern Kohlendioxid. 57 Millionen Tonnen CO2 absorbiert allein der Wald im Jahr, weitere 4,2 Millionen Tonnen sind in Holzprodukten gebunden. Gäbe es den Wald nicht, würden jährlich 14 Prozent mehr Treibhausgase emittiert, das entspricht knapp 80 Prozent des Straßenverkehrs im Jahr 2016.

Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

Ein Bild des Schreckens: Eine Fläche so groß wie das Saarland muss neu bepflanzt werden.Foto: imago images/Jochen Tack

Doch nun ist die gute Bilanz in Gefahr. Denn wenn Wälder sterben, setzen sie das gespeicherte Kohlendioxid frei, warnt Andreas Bolte, Waldexperte des staatlichen Thünen-Instituts. „Wenn der Wald die Quelle von Kohlendioxid wird statt weiter eine Kohlendioxid-Senke zu sein, wird es problematisch“, befürchtet der Wissenschaftler.

Deutschland sucht den Superbaum

Klar ist, wo Bäume gestorben sind, müssen neue hin. Doch die große Frage lautet: Welche Bäume sind die richtigen, um dem Klimawandel zu trotzen. Und muss man tatsächlich neue Bäumchen pflanzen oder sollte man das Ganze nicht einfach der Natur selbst überlassen? Dahinter steht die zwischen Waldbesitzern und Umweltschützern heftig diskutierte Sinnfrage: Ist der Wald Holzlieferant oder Klimaschützer? Und: Kann man beides unter einen Hut bringen?

Dicke Luft im Umweltministerium

Der Streit spaltet auch die Bundesregierung. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nimmt es Klöckner übel, dass die CDU-Politikerin ihre Waldstrategie ohne das Umweltministerium erarbeitet hat. „Wälder sind mehr als Holzfabriken, sie spielen eine entscheidende Rolle für den Klimaschutz und die Bewahrung der Artenvielfalt“, sagte sie der „Augsburger Allgemeinen“. „Darüber hätten wir gern mit ihr diskutiert, dazu war sie aber nicht bereit.“

Klöckner wies die Kritik zurück. Ihr Ressort sei federführend. An der Erarbeitung der Strategie seien Vertreter vieler Verbände beteiligt worden, sie solle nun Grundlage für die kommende Bundesregierung sein.
Doch nicht nur die Umweltministerin, auch die Umweltverbände fühlen sich übergangen. Man habe kaum Gelegenheit gehabt, sich zu äußern, kritisierte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND). Mit ihrer Waldstrategie erweise Klöckner dem deutschen Wald einen „Bärendienst“, meint der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Klöckner schütze „lieber die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen der Forst- und Holzlobby statt den Wald“.

Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

„Der Wald ist ein Multitalent“, sagt Bundesagrarministerin Julia Klöckner.Foto: imago images/Jürgen Heinrich

BUND-Waldexpertin Nicola Uhde fordert, den Anteil der Naturwälder, die frei von forstwirtschaftlicher Nutzung sind, von derzeit 3,2 Prozent der Waldfläche auf mindestens zehn Prozent zu steigern, um die biologische Vielfalt der Wälder zu stärken. Auch im Bundesumweltministerium will man, dass mehr Flächen naturnah bewirtschaftet werden und der Anteil der Naturwälder ausgeweitet wird.

Statt Setzlinge zu pflanzen, sollte man dem Wald die Verjüngung selbst überlassen, meint Uhde. Heimische Laubbäume wie Eichen, Hainbuchen, Rotbuchen und Linden kämen mit Dürre, Hitze und Stürmen besser klar als Fichten. Nadelbäume, sagt die Umweltschützerin, sollten nur noch in Beimischung angepflanzt werden. Dagegen wollen die Waldbesitzer Douglasien, Küstentannen, Roteichen oder Japanlärchen pflanzen, die höhere Erträge bringen.

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Auch Klöckner will Nadelbäume aber nur noch in Höhenlagen gepflanzt sehen, auch sie setzt primär auf Mischwälder. Drei Viertel der Forstflächen seien bereits Mischwälder, betont die Ministerin, also keine „Nadelholzplantagen“. Die Verjüngung allein der Natur zu überlassen, hält Waldexperte Bolte für keine gute Idee: „Sonst sät die Fichte wieder eine Fichte aus“. Man brauche einen standortangepassten Mix aus dem natürlichen Nachwachsen und Pflanzungen.

Die Fichte ist der wichtigste Baum für die Forstwirtschaft

Für die Waldbesitzer ist die Fichte der wichtigste Baum. Fichtenholz wird von den Sägewerken gern abgenommen und zu Bauholz verarbeitet. Das massenhafte Sterben der Nadelbäume macht der Forstwirtschaft daher zu schaffen, auch weil der sprunghafte Anstieg der Holzpreise bei vielen Waldbesitzern kaum ankommt. „Bauherren müssen inzwischen 900 Euro pro Festmeter zahlen“, ärgert sich Georg Schirmbeck, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats, „vor einem Jahr waren es noch 300 Euro“. Als Waldbesitzer bekomme er aber gerade einmal 30 Euro pro Raummeter, sagte er dem Tagesspiegel.

Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

Gefragter Rohstoff: Die Holzpreise sind explodiert.Foto: dpa

Wie der Staat hilft

,Allerdings haben die staatlichen Unterstützungsprogramme den Schmerz gemildert. Die Mittel werden gut abgerufen, heißt es beim Waldbesitzerverband. Schirmbeck wünscht sich eine Verlängerung der Hilfen um vier Jahre und eine Aufstockung der 800 Millionen Euro, die sich Bund und Länder im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz teilen.

Neben den 800 Millionen Euro zahlt der Bund weitere 500 Millionen Euro als Waldprämie, wenn die Wiederaufforstung forstwirtschaftlich zertifiziert geschieht. Klöckner hält diese Vorgabe für einen Erfolg, im Umweltministerium sieht man die Zertifizierungskriterien dagegen kritisch: „Bei manchen Systemen geht der Anspruch an nachhaltige Waldbewirtschaftung kaum über die ohnehin geltenden gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus und entfaltet so kaum zusätzliche Lenkungswirkung“, sagte eine Ministeriumssprecherin dem Tagesspiegel. Ergänzt wird die staatliche Hilfe durch kleinere, weitere Programme.

Holzfabrik oder Klimaschützer? : So soll der Wald im Jahr 2050 aussehen

Bock auf Grünzeug: Hirsche fressen gern die jungen Triebe.Foto: imago images/blickwinkel

Reform des Jagdgesetzes ist gescheitert

Was nutzen Wiederaufforstungsprogramme, wenn die kleinen Pflänzchen von Rehen oder Hirschen angeknabbert werden? Eine Reform des Bundesjagdgesetzes sollte den Wald besser vor Wildtieren schützen. Doch das Projekt ist an den Jägern und am Widerstand aus Bayern gescheitert, im Bundestag gab es keine Mehrheit – zum Verdruss von Waldbesitzern, Umweltschützern und Agrarministerin Julia Klöckner: „In der nächsten Legislaturperiode muss das Gesetz wieder auf den Tisch“, sagte die CDU-Politikern am Dienstag.

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