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Hertha BSC im Umbruch : Präsident verzweifelt gesucht

Bei Hertha BSC sind auch nach der Mitgliederversammlung noch viele Fragen ungeklärt. Hinter den Kulissen des Berliner Bundesligisten rumort es gewaltig.

Hertha BSC im Umbruch : Präsident verzweifelt gesucht

Der Wunschkandidat. Viele Hertha-Mitglieder würden Andreas Schmidt (Mitte) gerne als Präsident sehen, der Ex-Profi hat das aber…Foto: Matthias Koch/Imago

Andreas Schmidt hat der alten Dame namens Hertha eine herbe Abfuhr erteilt, aber das hat die Zuneigung der alten Dame für Andreas Schmidt nicht entscheidend geschmälert. Schmidt, früherer Profi des Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC und aktuell stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, ist am Sonntag bei der Mitgliederversammlung des Klubs gefragt worden, ob er denn nicht für das Amt des Präsidenten kandidieren wolle.

Der 48-Jährige war von den Avancen aus den Reihen der Mitglieder sichtlich ergriffen, aber er hat dann ganz nüchtern erklärt, warum dieses Amt für ihn und seine Lebensplanung nicht infrage kommt. Nachtragend war die alte Dame offenbar trotzdem nicht. Denn als kurz darauf der Aufsichtsrat neu gewählt wurde, erhielt Schmidt das – mit weitem Abstand – beste Ergebnis aller Kandidaten. Seine Zustimmung lag bei 93 Prozent.

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Die Mammut-Mitgliederversammlung von Hertha BSC am Sonntag in der Messe hat einige wichtige Erkenntnisse zu Tage gefördert: zum Beispiel, dass der Klub sich auch nach dem Klassenerhalt weiterhin in einem Zustand des Aufruhrs befindet. Oder, dass der Investor Lars Windhorst inzwischen ein nicht zu übergehender Machtfaktor bei Hertha BSC ist und dass die Ultras des Klubs zwar laut sind, wie sie bei Windhorsts Rede bewiesen haben, ihr Mobilisierungspotenzial und der daraus resultierende Einfluss auf die Vereinspolitik hingegen begrenzt sind.

Das wichtigste Ergebnis der Mitgliederversammlung aber war: Der Klub steht derzeit weitgehend ohne Führung da. Hertha sind am Sonntag drei mögliche Präsidenten abhandengekommen. Neben Andreas Schmidt, der nicht will, auch Thorsten Manske, der bisherige Stellvertreter von Werner Gegenbauer, und Torsten-Jörn Klein, der Aufsichtsratsvorsitzende des Klubs.

Hertha BSC im Umbruch : Präsident verzweifelt gesucht

Werner Gegenbauer (links) hatte ein schlechtes Verhältnis zu Investor Lars Windhorst und trat kurz vor der Mitgliederversammlung…Foto: Andreas Gora/dpa

Gegenbauer hat im Grunde auch Manske mit in den Abgrund gerissen, der den Verein kommissarisch geführt hat. Durch den Rücktritt des Präsidenten konzentrierte sich der Unmut der Basis am Sonntag vor allem auf Gegenbauers bisherigen Stellvertreter. Von allen sechs Präsidiumsmitgliedern war Manske das einzige, bei dem mehr als die Hälfte der Mitglieder (64,2 Prozent) für eine Abwahl stimmte. Der Rechtsanwalt, dem Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt worden waren, zog die einzige mögliche Konsequenz und trat umgehend zurück.

Klein wiederum war – wie Schmidt – aus den Reihen der Mitglieder gefragt worden, ob er nicht als Präsident kandidieren wolle. Der Medienunternehmer gilt schon länger als präsidiabel. Seine Eloquenz stellte er auch am Sonntag unter Beweis, als er sich sehr geschickt als Gegenspieler des inzwischen durch und durch unbeliebten Gegenbauer positionierte. Aber auch Klein, der vor zwei Jahren einmal mit einem Wechsel auf den Präsidentenposten geliebäugelt hatte, erklärte: „Ich habe nicht vor, mich als Präsident für Hertha BSC zu bewerben.“

Hertha BSC im Umbruch : Präsident verzweifelt gesucht

Peer Mock-Stümer kandidierte bei der letzten Abgeordnetenhauswahl für die CDU in Charlottenburg-Wilmersdorf.Foto: Stefan Zeitz/Imago

Theoretisch lässt ihm diese Aussage noch eine Hintertür offen. Was ist, wenn Klein aus den Führungsgremien des Klubs gebeten wird, zu kandidieren, um dem Verein in der Not zu helfen? Aber der 58-Jährige hat auch intern erklärt, dass er definitiv nicht zur Verfügung stehe, weil er nicht die nötige Zeit für das Amt aufbringen könne. Und anders als bei den Mitgliedern, die ihn mit dem zweitbesten Ergebnis erneut in den Aufsichtsrat gewählt haben, hat seine Reputation in den Gremien zuletzt deutlich gelitten.

Denn hinter den Kulissen des Vereins rumort es weiter gewaltig. Am Montagabend erklärte Norbert Sauer seinen sofortigen Rücktritt aus dem Präsidium. Er war eines von noch zwei verbliebenen Mitgliedern, die zeichnungsberechtigt sind. Laut Satzung müssen es zwei sein.

In vier Wochen, am 26. Juni, steht eine außerordentliche Mitgliederversammlung an, bei der ein neuer Präsident und sein Stellvertreter gewählt werden, dazu können noch zwei Beisitzer in das Gremium nachrücken. Marco Hennig, Tankstellen-Unternehmer und Gegenbauer-Kritiker, wird dann für einen Platz im Präsidium kandidieren, vermutlich auch Heinz Troschitz, der am Sonntag bei der Mitgliederversammlung die Abwahlanträge gegen die bisherigen Präsidiumsmitglieder vorgestellt und begründet hat.

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Aus deren Reihen muss nun ein kommissarischer Präsident bestimmt werden. Das viel größere Problem aber ist: Wer wird am 26. Juni für die dann noch verbleibenden zwei Jahre der laufenden Wahlperiode an die Spitze von Hertha BSC gewählt? Bisher hat nur der frühere Ultra Kay Bernstein, 41, seine Kandidatur erklärt. Erwartet wird allerdings, dass auch aus dem aktuellen Präsidium ein Kandidat antritt. Nachdem Thorsten Manske nicht mehr in Frage kommt, läuft es womöglich auf Peer Mock-Stümer hinaus. Den Abwahlantrag am Sonntag hat er mit einem respektablen Ergebnis, dem drittbesten der sechs Präsidiumsmitglieder, überstanden.

Als Immobilienunternehmer ist Mock-Stümer, 54, wirtschaftlich unabhängig, und obwohl er lange Herthas Boxabteilung als Vorsitzender geleitet hat, gilt er als weitgehend unbelastet. Erst vor zwei Jahren ist er ins Präsidium gewählt worden. Ingmar Pering, seit 2007 Mitglied des Gremiums, kann sich die Rolle des Stellvertreters vorstellen, auch an der Seite von Mock-Stümer. Ihm schwebt für die Vereinsführung eine Art Großer Koalition vor, um den Klub nach all den Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate wieder zur Ruhe zu bringen.

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