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Gerhard Trabert über soziale Ungleichheit : „Wir haben in Deutschland eine Drei-Klassen-Medizin“

Er trat gegen Steinmeier an: Der Sozialmediziner Gerhard Trabert über seine Erfahrungen in der Politik, das Leben auf der Straße und den Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut.

Gerhard Trabert über soziale Ungleichheit : „Wir haben in Deutschland eine Drei-Klassen-Medizin“

Gerhard Trabert ging bei der Bundespräsidentenwahl für die Linke ins Rennen.Foto: imago images/epd

Gerhard Trabert (65) wurde von der Linken als parteiloser Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt. Der Professor für Sozialmedizin versorgt mit seinem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland seit vielen Jahren Wohnungslose und Patienten ohne Krankenversicherung. An diesem Freitag trifft Trabert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, um sich über soziale Ungleichheit auszutauschen.

Herr Trabert, Sie haben als Kandidat der Linken für das Bundespräsidentenamt 96 Stimmen bekommen – eine Chance hatten Sie gegen Frank Walter-Steinmeier nie. War das Ganze trotzdem ein Erfolg für Sie?
Gelohnt hat es sich in jedem Fall. Ich hätte mir zwar erhofft, dass ich mehr Stimmen bekomme als der Kandidat der AfD. Das hat nicht geklappt. Aber ich habe ja von Anfang an klar gemacht, dass es mir nicht um eine Kandidatur gegen jemanden ging, sondern für etwas. Ich wollte die Aufmerksamkeit auf das große Thema soziale Ungleichheit und Armut lenken. Meine große Hoffnung war, dass Bundespräsident Steinmeier in seiner nächsten Amtszeit den Fokus darauf legt. Diese Hoffnung könnte sich erfüllen. 

Seit fast 30 Jahren behandeln Sie in Mainz mit Ihrem Arztmobil arme und obdachlose Menschen. Bundespräsident Steinmeier hat Sie ins Schloss Bellevue eingeladen, um sich zu dem Thema auszutauschen. Wurden Sie von Ihren Patienten darauf angesprochen?
Ich war nach der Bundesversammlung gleich wieder mit dem Arztmobil unterwegs. Einige haben meine Kandidatur durchaus verfolgt. Dass Frank-Walter Steinmeier das Thema Obdachlosigkeit in seiner Rede benannt hat, das macht etwas mit den Menschen. Obdachlos zu sein oder sozial benachteiligt, ist immer mit Stress und einem Verlust von Selbstwertgefühl verbunden. Wenn das Staatsoberhaupt diese Probleme benennt, gibt es den Betroffenen das Gefühl, gesehen zu werden.

Ihr Termin mit Frank-Walter Steinmeier soll im März stattfinden. Was kann denn der Bundespräsident konkret bei dem Thema bewirken?
Ich erhoffe mir, dass unser Treffen nicht nur ein Event ist, sondern dass wir über einen Fahrplan für seine zweite Amtszeit sprechen. Er hat das Problem der sozialen Ungleichheit in Deutschland lange vernachlässigt. Wenn er jetzt den Blick darauf lenkt, macht das auch Druck auf die Bundesregierung. Es geht ja nicht nur um Obdachlose, sondern auch um Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Rentner, die in Armut leben. Ich und auch viele Wohlfahrtsverbände halten es für dringend nötig, dass der Hartz-IV-Satz während der Pandemie unverzüglich um 100 Euro angehoben wird. Die Lebensmittelpreise, sind gestiegen, die Lebenshaltungskosten, die Energiepreise. Da reicht eine Erhöhung um drei Euro, wie sie die Ampel realisiert hat, bei weitem nicht aus.

Als Sozialmediziner haben Sie besonders den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit im Blick. Wie stark ist in Deutschland dieser Zusammenhang?
An der Lebenserwartung kann man das gut ablesen. Bei Frauen, die von Armut betroffen sind, ist sie im Durchschnitt um 4,4 Jahre geringer als im reichsten Viertel der Gesellschaft. Bei Männern sogar 8,6 Jahre. Fast 30 Prozent der Männer, die von Einkommensarmut betroffen sind, erreichen laut Robert-Koch-Institut nicht einmal das Rentenalter von 65 Jahren. Fast alle Erkrankungen kommen häufiger bei sozial benachteiligten oder von Armut betroffenen Menschen vor.

Woran genau liegt das? Ein offensichtlicher Faktor wäre, dass gesundes Essen auch eine Frage des Geldbeutels ist.
Das ist ein Faktor, ja. Sie haben als erwachsener Hartz-IV-Empfänger 5,20 Euro pro Tag für Ernährung zur Verfügung. Sich gesund zu ernähren, ist quasi unmöglich. Im Monat haben Sie 17,14 Euro für Gesundheitspflege. Dafür kann man sich noch nicht einmal genügend FFP2-Masken kaufen. Dazu kommt die Wohnsituation: Billigwohnungen sind oft in Stadtteilen mit einer höheren Lärm- und Luftschmutzbelastung durch Verkehr oder eine Einflugschneise. Wir wissen aber, dass Lärm ein großer Risikofaktor für Herzkreislauf-Erkrankungen ist. Dazu kommt individuelles Verhalten: Zigaretten, Alkohol, Bewegungsmangel. Und der Fakt, dass wir in Deutschland mittlerweile eine Drei-Klassen-Medizin haben.

Wie meinen Sie das?
Viele Menschen können sich die Zuzahlungen bei der gesetzlichen Krankenkasse nicht leisten. Das fängt schon bei Rezeptgebühren an. Es gibt zwar eine Belastungsgrenze. Aber da müssten Sie erstmal die Quittungen sammeln und bei der Krankenkasse einreichen. Ein wichtiger Punkt ist auch: Es führt nicht nur Armut zu Krankheit, sondern auch Krankheit zu Armut. Wer chronisch krank ist, ist oft weniger leistungsfähig, es entstehen zusätzliche Gesundheitsausgaben und diese werden immer stärker privatisiert, das heißt müssen vom Erkrankten selbst bezahlt werden. Der dritthäufigste Grund für Überschuldung in Deutschland ist Krankheit.

Gerhard Trabert über soziale Ungleichheit : „Wir haben in Deutschland eine Drei-Klassen-Medizin“

Gerhard Trabert gratulierte Frank-Walter Steinmeier nach dessen Wiederwahl.Foto: AFP

 In der Coronakrise wurde der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit sehr deutlich. Auswertungen 2020 zeigten, dass Hartz-IV-Empfänger ein 80 Prozent höheres Infektionsrisiko hatten als Erwerbstätige. Was hat das bewirkt?
Kaum etwas. Das hat mich sehr enttäuscht. Es war ja schnell klar, dass Corona nicht alle gleich betrifft. Ärmere Menschen fahren eher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, arbeiten seltener im Homeoffice, wohnen in beengten Verhältnissen, haben häufiger Vorerkrankungen. All das hat doch gar keine Rolle gespielt bei den Entscheidungen. Im Expertenrat der Bundesregierung müsste unbedingt ein Mediziner sitzen, der um diese Dinge weiß und bei den Maßnahmen mitdenkt.

An der Obdachlosigkeit wird Armut sehr deutlich sichtbar. Viele Menschen fragen sich, warum in einem Land, wo es eigentlich ein so gutes soziales Sicherungssystem gibt, überhaupt Menschen auf der Straße landen. Ist das naiv?
Die Frage ist absolut berechtigt. Die Vorstellung ist: Der Staat sorgt für alle, aber das stimmt so nicht. Ich will niemanden aus der Eigen-Verantwortung entlassen. Aber auf der Straße zu landen, geht schneller als viele denken. Die zwei wichtigsten Gründe sind der Verlust der Arbeit und Schicksalsschläge. Einer meiner Patienten ist ein ehemaliger Prokurist. Nachdem seine Frau starb, hat er keinen Sinn mehr darin gesehen zur Arbeit zu gehen. Das setzte eine Abwärtsspirale in Gang. Er verlor seinen Job, danach die Wohnung. Solche Fälle gibt es viele. In Deutschland gibt es zudem nicht genug ambulante Betreuungsmöglichkeiten für Menschen in psychosozialen Stresssituationen und/oder mit psychischen Krankheiten. Auch das führt zu Wohnungslosigkeit.

Aber es gibt Wege zurück.
Natürlich. Aber bei der Antragsstellung gibt es so viele Hürden. Schauen Sie sich allein die Formulare an. Es gibt 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten in Deutschland. Die können zwar lesen und schreiben, aber bei komplexen Inhalten wird es schwierig. Wenn ich mir die Formulare anschaue, komme selbst ich mir wie ein funktioneller Analphabet vor. Und dann gibt es ja auch noch viele, die gar keinen Anspruch auf Unterstützung haben.

Weil sie aus dem Ausland kommen.
Ja, gerade Menschen aus Osteuropa, aus Rumänien, Bulgarien, Polen. Viele kommen hierher, um Arbeit zu suchen, aber wenn sie keine finden, sind sie absolut mittellos. Sie haben keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Zurück in ihre Heimatländer gehen sie aber oft auch nicht, weil sie sich schämen, dass sie gescheitert sind. Viele betteln dann und leben auf der Straße. Wenn sie krank werden, ist dann immer die Frage: Wer zahlt das? Eine Krankenversicherung haben sie nicht. Besonders mitgenommen hat mich der Fall eines Rumänen mit Lungenkrebs. Bei ihm hat es so lange gedauert, zu klären, wer die Behandlung zahlt, dass es schließlich zu spät war.

Was schildern Ihnen die Menschen, die Sie behandeln, von ihrem Leben auf der Straße?
Da ist zum einen das Offensichtliche: Das ständige in der Öffentlichkeit sein, allem ausgesetzt Regen, Schnee, Kälte, Hitze. Aber es muss auch alles geplant werden: Wo übernachte ich? Wo dusche ich? Wo bekomme ich eine saubere Hose her? Es ist eine permanente Stresssituation, weil ja auch ständig die Gefahr besteht, beraubt zu werden oder misshandelt zu werden, gerade aus der rechten Szene. Für Rechte sind Obdachlose Asoziale. Das hat in Deutschland Geschichte. 1933 haben die Nationalsozialisten eine „Bettlerrazzia“ durchgeführt und zum ersten Mal Massenverhaftungen getestet.

Gerhard Trabert über soziale Ungleichheit : „Wir haben in Deutschland eine Drei-Klassen-Medizin“

Nach der Bundespräsidentenwahl war Trabert bald wieder in Mainz mit seinem Arztmobil unterwegs.Foto: dpa

Und von solchen Übergriffen auf Obdachlose gibt es viele?
Ich habe Patienten, die mit Baseball-Schlägern geschlagen, angepinkelt oder mit Benzin übergossen und angezündet wurden. Viele sagen: Sie legen sich gar nicht mehr in einen Schlafsack, sondern decken sich nur damit zu. Dann können sie bei Gefahr schnell weglaufen. Ständig mit so einer Gefahrensituation zu leben, macht etwas mit der Psyche.

Sie haben sich viele Jahre für Obdachlose und Geflüchtete eingesetzt. Erst im letzten Jahr sind sie in die Politik gegangen, haben als Parteiloser als Direktkandidat der Linken für die Bundestagswahl kandidiert. Was haben Sie über Politik gelernt?
Mir war es sehr wichtig, als Parteiloser ins Rennen zu gehen. Trotzdem wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Mich stört die Fixierung auf Parteien in der deutschen Politik. Es muss doch möglich sein, dass ein guter Vorschlag diskutiert wird, egal von welcher demokratischen Partei er kommt. Stattdessen werden Schaukämpfe ausgetragen. Mich stört aber auch, wie schnell Überschriften generiert werden, die mit einer differenzierten Darstellung nichts zu tun haben.

Die Kritik an Ihnen entzündete sich daran, dass Sie das Wegschauen der Bevölkerung in der NS-Zeit mit dem Wegschauen heute bei Armut und Tod im Mittelmeer verglichen haben.
Ja, das war eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Ich habe niemals Opfer mit Opfern verglichen. Der Holocaust ist mit nichts vergleichbar. Mir ging es darum zu sagen: Wir dürfen nie wieder wegschauen, wenn es um Unrecht geht. Das ist unser Vermächtnis. Die Schlagzeilen, die da entstanden sind, haben mich wirklich mitgenommen. Mir wird gesagt: So etwas ist Alltag in der Politik. Aber daran möchte ich mich nicht gewöhnen. Deswegen brauche ich noch eine Auszeit, um mir zu überlegen, ob ich mich noch weiter in dieser Form in der Politik engagieren möchte.

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