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Freispruch nach 129 Jahren : New Orleans rehabilitiert den „Freedom Rider“-Homer Plessy

Sein Fall schrieb US-Justizgeschichte. 1896 rechtfertigte der Supreme Court so die Rassentrennung. 1954 erklärten neue Richter sie für verfassungswidrig.

Freispruch nach 129 Jahren : New Orleans rehabilitiert den „Freedom Rider“-Homer Plessy

Homer Adolphe Plessy sah wie ein Weißer aus, galt aber als „Mixed Race“. Seine kreolischen Eltern waren aus dem heutigen Haiti in…Foto: Wikimedia Commons

Die Mühlen der historischen Gerechtigkeit mahlen langsam. Was nützt einem Toten ein posthumer Freispruch? Im US-Bundestaat Louisiana hat der Begnadigungsausschuss 129 Jahre nach dem Urteil noch einmal den Fall des kreolischen Schuhmachers Homer Plessy hervorgeholt. Und seine Rehabilitierung vorgeschlagen. Jetzt muss nur noch der Gouverneur zustimmen.

Plessy schrieb doppelte Justizgeschichte in den USA: Zunächst legitimierte der Supreme Court, an den Plessy sich hilfesuchend wandte, 1896 die Rassentrennung. 1954 korrigierte das Oberste Gericht seine Rechtsprechung unter Rückgriff auf Argumente, mit denen Plessy zunächst unterlegen war. Und 2007 versuchten weiße Eltern, die Zeit wieder zurückzudrehen.

Am 7. Juni 1892 hatte sich der 30 Jahre alte Plessy in New Orleans in einen Bahnwaggon „Nur für Weiße“ gesetzt, um gegen die Rassentrennung zu protestieren. Damit nahm er die Bewegung der „Freedom Riders“ lange vor deren großen Zeiten in den 1960er Jahren vorweg.

Plessy wurde festgenommen und zu 25 Dollar Strafe verurteilt, damals eine hohe Summe gemessen an Arbeiterlöhnen.

Dem Aussehen nach ein Weißer, dem Recht nach „Mixed Race“

Er sah aus wie ein Weißer, galt aber nach den damaligen Vorstellungen als „Mixed Race“. Er war der Nachkomme von Großeltern, deren Verbindung man damals eine Mischlings-Ehe nannte. Vater und Mutter waren französisch sprechende Kreolen, die selbst freie Menschen waren, aber aus dem heutigen Haiti vor den dortigen Sklaven-Unruhen in die USA geflohen waren.

Plessy wehrte sich vor Gericht unter Berufung auf das 14th Amendment. Dieser Zusatzartikel der Verfassung war 1866 nach dem Bürgerkrieg und der Aufhebung der Sklaverei beschlossen worden. Er schrieb die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz vor sowie das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren.

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1896 urteilte das Oberste Gericht im Verfahren Plessy vs Ferguson mit sieben zu einer Stimme, der Grundsatz „separate but equal“ sei verfassungsgemäß. Die Rassentrennung in den Zügen verstoße nicht gegen das Gleichheitsprinzip.

Nur ein Richter protestierte: Die Verfassung ist farbenblind

Nur ein Richter, John Marshal Harlan, war abweichender Meinung: Die Verfassung sei „farbenblind“, sie trenne die Bürger nicht in Klassen mit unterschiedlichen Rechten. Über Jahrzehnte beriefen sich Staaten, die den öffentlichen Verkehr, das Schulwesen, Restaurants, Hotels und Bars nach der Hautfarbe trennten, auf dieses Urteil.

Plessy starb 1925 im Alter von 62 Jahren. Doch sein Empfinden für Recht und Gerechtigkeit überlebte ihn nicht nur – es setzte sich durch.

Zunächst im Schulwesen. 1951 lehnte eine öffentliche Schule in Topeka, Kansas, es ab, die Tochter des Afroamerikaners Oliver Brown aufzunehmen. Sie solle mit dem Schulbus in eine weit entfernte Schule für Schwarze fahren.

Ein Schulstreit in Kansas brachte die Wende

Gemeinsam mit zwölf anderen afroamerikanischen Familien klagte Brown gegen die Entscheidung des Board of Education (des Bildungsausschusses). Die Obergerichte in Kansas wiesen die Klage unter Verweis auf das „Separate but equal“-Urteil des Supreme Courts ab. Segregierte Schulen würden nicht ungleich ausgestattet und behandelt.

Mit Unterstützung von Thurgood Marshall, der später als erster Afroamerikaner an den Supreme Court berufen wurde, wandte sich Brown an die Obersten Richter. Und die korrigierten 1954 einstimmig die Entscheidung ihrer Vorgänger von 1896.

Bildungseinrichtungen, die nach der Hautfarbe trennen, seien „von Natur aus ungleich“ und verstießen damit gegen das 14th Amendment, das die Gleichbehandlung aller Bürger gebiete, hieß es nun.

Rosa Parks wurde zur Ikone, 63 Jahre nach Homer Plessy

Homer Plessys hatte mit seinen Argumenten posthum doch noch gewonnen. Es dauerte freilich, bis das Urteil landesweit praktische Anwendung fand. Der Supreme Court hatte keine Hinweise gegeben, wie die Aufhebung der Segregation vonstatten gehen solle. 1957 schickte Präsident Dwight Eisenhower Bundestruppen nach Little Rock, Arkansas, um schwarzen Schülerinnen und Schülern den Besuch der High School zu ermöglichen.

Es bedurfte vieler Bürgerinnen und Bürger, bis die Rassentrennung und der Grundsatz „separate but equal“ im Alltag geächtet waren, darunter Rosa Parks. Sie setzte sich 1955 in Montgomery, Alabama, auf einen für Weiße reservierten Bussitz – in der Tradition Homer Plessys. Er erfährt nun eine späte Ehrung in New Orleans.

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