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Fleischproduktion sinkt, Fleischersatzprodukte legen zu : Veggie-Fleisch schlägt Schweinefleisch

Neue Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Fleisch aus Pflanzen boomt. Noch ist Veggie-Fleisch ein Nischenprodukt, aber die Marktanteile steigen.

Fleischproduktion sinkt, Fleischersatzprodukte legen zu : Veggie-Fleisch schlägt Schweinefleisch

Soja und Kichererbsen statt Rindfleisch: Veggie-Burger sind beliebt.Foto: Getty Images/iStockphoto

Schmeckt so der Erfolg? Noch vor vier Jahren hatte Fleischbaron Clemens Tönnies kategorisch erklärt, dass Wurst ohne Fleisch für ihn nichts ist. Jetzt greift selbst der einstige Kostverächter zu Fleisch aus Pflanzen. „Die Chicken Nuggets, Hähnchenschnitzel oder die Fischstäbchen schmecken wie das Original“, sagte Maximilian Tönnies, der im Konzern für das Veggie-Geschäft zuständig ist, vor einigen Monaten. „Das schmeckt jetzt sogar meinem Vater.“ Tönnies, der größte Schweineschlachter Deutschlands, baut sein Geschäft mit Fleisch aus Pflanzen unter den Marken „Gutfried“, „Vevia“ und „Es schmeckt“ aus. Die Veggie-Produkte stammen aus einem eigenen Werk in Böklund, die Kapazitäten werden erweitert. Bis 2025 soll der Veggie-Bereich 120 Millionen Euro Umsatz bringen, 2019 waren es noch 8,3 Millionen Euro.

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Keine Frage: Veggie-Fleisch boomt. Das zeigen auch neue Zahlen des Statistischen Bundesamts. Im vergangenen Jahr produzierten die Unternehmen hierzulande knapp 98.000 Tonnen an Fleischersatzprodukten, verglichen mit dem Vorjahr ist das ein Plus von 17 Prozent. Der Umsatz stieg sogar um 22,2 Prozent auf 458,2 Millionen Euro. Gemessen am Umsatz von 35,6 Milliarden Euro, der mit Fleisch und Fleischprodukten gemacht wird, ist der Marktanteil der Veggie-Alternativen zwar noch immer klein.

Der Trend setzt sich fort

Doch während der Appetit auf Fleisch kontinuierlich abnimmt, greifen immer mehr Menschen zu Chicken Nuggets, Bratwürstchen oder Burgern aus Soja, Erbsen oder Weizenprotein. Die Entwicklung setzt sich fort. Im ersten Quartal dieses Jahres legte der Umsatz mit Fleisch- und Käseersatz gegen den allgemeinen Trend bei Konsumgütern noch einmal um 13,3 Prozent zu, heißt es in einer neuen Studie der Marktforschungsgesellschaft GfK. Allerdings greifen die Menschen auch bei den Fleischalternativen jetzt verstärkt zu den billigeren Eigenmarken der Discounter und Supermärkte. Das mag der Inflation geschuldet sein, dürfte aber auch am wachsenden Angebot der Handelsmarken liegen.

Unangefochtener Marktführer in Deutschland ist die Rügenwalder Mühle. Das Familienunternehmen hat vor sieben Jahren damit begonnen, Fleischbällchen und Schnitzel aus Pflanzen zu produzieren. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen erstmals mehr Umsatz mit Veggie-Wurst und -Fleisch als mit klassischen Hackbällchen oder Mett. Auch der Ernährungsriese Nestlé baut sein Geschäft mit Veggie-Burgern, -Bratwürsten und -Fisch konsequent aus. „2021 hat Garden Gourmet in Deutschland ein zweistelliges Plus im Vergleich zum Vorjahr erzielt“, sagte eine Nestlé-Sprecherin dem Tagesspiegel. Einen Großteil seiner Garden-Gourmet-Burger verkauft der Konzern allerdings nicht im Supermarkt, sondern über McDonalds.

Viele Menschen schränken ihren Fleischkonsum ein

Dass Tofuwurst oder Seitanschnitzel gefragt sind, liegt daran, dass immer mehr Menschen entweder ganz auf Fleisch verzichten oder ihren Fleischkonsum einschränken. 55 Prozent der Bundesbürger gelten als Flexitarier, essen also nur noch gelegentlich Fleisch. Umweltschützer freut das. Denn nach Berechnungen des Umweltbundesamts ist Fleisch aus Pflanzen deutlich umweltfreundlicher als das Original vom Tier. Für die Produktion eines Kilos Fleischersatzes auf Sojabasis werden 2,8 kg Treibhausgase ausgestoßen, für Schweinefleisch liegt der Ausstoß bei 4,1 kg, bei Rind sind es sogar 30,5 kg.

Fleischproduktion sinkt, Fleischersatzprodukte legen zu : Veggie-Fleisch schlägt Schweinefleisch

Großes Angebot: Rügenwalder Mühle und Nestlé haben die größten Marktanteile, aber immer mehr Käufer greifen zu den billigeren…Foto: imago images/Joerg Boethling

Der Veggie-Boom könnte jedoch an seine Grenzen stoßen, weil die Rohstoffe knapp werden. So hatte Rügenwalder-Chef Michael Hähnel bereits im vergangenen Juni im Tagesspiegel-Interview davor gewarnt, dass pflanzliche Proteine knapp werden. Das liegt am Klimawandel, der Missernten nach sich zieht, aber auch an der steigenden Nachfrage.

Rohstoffe werden knapp

Die Warnung ist heute allerdings aktueller denn je. „Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland könnte die Verfügbarkeit von Rohstoffen generell erheblich betreffen“, betont eine Nestlé-Sprecherin. Die Ukraine ist ein großer Weizenproduzent für den europäischen Markt. Weizen und Mais kommen aber nicht nur in der Lebensmittelproduktion zum Einsatz, sondern auch als Futtermittel. Wenn große Mengen dieser Rohstoffe fehlen, könnte es bei Futtermitteln zu einer Verlagerung zu anderen Rohstoffen führen, befürchtet Nestlé.

Das könnte etwa europäisches Soja betreffen, das immer wichtiger wird. Nestlé plant, künftig 100 Prozent des Rohstoffs aus Europa zu beziehen. Auch Tönnies setzt auf europäisches Soja. Die Rügenwalder Mühle ist bereits einen Schritt weiter. Sie baut ihr Soja jetzt selbst an, um sich unabhängiger von den Turbulenzen zu machen.

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