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„Eintracht hat Geschichte geschrieben“ : Nicole Kumpis ist die einzige Präsidentin eines deutschen Fußball-Profiklubs

Seit 1992 war keine Frau mehr an der Spitze eines Proficlubs im deutschen Fußball. Das ändert sich bei der Mitgliederversammlung von Eintracht Braunschweig.

„Eintracht hat Geschichte geschrieben" : Nicole Kumpis ist die einzige Präsidentin eines deutschen Fußball-Profiklubs

Am Mittwochabend wurde Nicole Kumpis bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zur ersten Präsidentin gewählt.Foto: dpa/ Swen Pförtner

Sollte ein Fan oder Mitglied von Eintracht Braunschweig demnächst etwas von seiner neuen Präsidentin wollen, weiß er mindestens alle zwei Wochen genau, wo er sie finden kann. Nicole Kumpis hat seit Jahren eine Dauerkarte in der Fankurve, Block 7 auf der Südtribüne. An ihr erstes Spiel im Eintracht-Stadion könne sie sich gar nicht erinnern, sagte sie. „Mein Vater hat mich damals in der Kinderkarre reingeschoben.“

Am Mittwochabend wurde Kumpis bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zur ersten Präsidentin in der fast 122-jährigen Historie des Zweitliga-Absteigers gewählt. „Die Eintracht hat am heutigen Abend Geschichte geschrieben“, sagte sie selbst dazu. Die 48-Jährige ist aktuell die einzige Frau, die einen der insgesamt 56 Clubs in den ersten drei Profiligen anführt. Und sie ist auch die erste Frau seit 30 Jahren, die das im deutschen Profifußball überhaupt tut. 1991/92 spielte der TSV 1860 München unter seiner Präsidenten Liselotte Knecht für ein Jahr in der 2. Bundesliga.

Auf den ersten Blick setzt die Wahl von Kumpis eine Entwicklung fort, die spätestens im vergangenen Jahr begann. Da gründeten prominente Frauen wie die Nationaltorhüterin Almuth Schult oder die ehemalige Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb die Initiative „Fußball kann mehr“, die unter anderem mehr weibliche Führungskräfte im Fußball fordert. Im Januar übernahm dann Donata Hopfen den Vorsitz der Geschäftsführung bei der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Doch bei Kumpis besteht die Signalwirkung nicht nur darin, dass jetzt eine Frau an der Spitze des deutschen Meisters von 1967 steht. Mit ihr wurde auch eine Diplom-Sozialpädagogin und hauptberufliche Vorständin des Deutschen Roten Kreuzes Braunschweig-Salzgitter in ein Amt gewählt, in dem Wirtschaftskompetenz und eine schneidige Führung über Jahrzehnte als Idealbild galten.

Fans und Mitglieder wollen mehr Mitbestimmung

„Demokratie, Diversität, Kommunikation und Zusammenhalt: Dafür stehe ich mit meinem Team“, sagte Kumpis am Mittwochabend. „Für unser Team spielt es keine Rolle, dass ich eine Frau bin.“ Zum Vergleich: Aus einer Art Regierungserklärung der neuen DFL-Chefin Hopfen blieb nach ihrem Interview in der „Bild am Sonntag“ vor allem hängen, dass der Profifußball nun erst einmal die Einnahmeverluste der Coronakrise wieder auffangen müsse. Ein Playoff-Modell für die Bundesliga? Ein Supercup in Saudi-Arabien? „Jede Maßnahme, die uns in Zukunft Geld bringen soll, muss zu uns passen. Ich finde aber, wir können in dieser Hinsicht aktuell gar nichts ausschließen“, sagte sie.

Kumpis glaubt eher, dass die Zeichen der Zeit ganz andere seien: Fans und Mitglieder wollen mehr Mitbestimmung. Der Fußball müsse sich wieder viel stärker auf seine soziale Kraft besinnen.

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„Man darf nicht vergessen: Dieses Fansein, dieses Gefühl, ich gehe am Samstag meine Bratwurst essen, mein Bier trinken, treffe mich vorher mit Freunden an der Südkurve und quatsche darüber, was am letzten Spieltag schiefgelaufen ist und wer heute aufgestellt wird: Dieses Gefühl hatte ja schon vor der Pandemie immer weniger mit dem zu tun, was die Leute mit dem modernen Profifußball verbinden. Und das hat die Coronakrise noch einmal verstärkt“, sagte Kumpis der Deutschen Presse-Agentur. „Wir müssen jetzt die Fans fragen: Was braucht ihr denn? Was können wir tun? Das ist ein Auftrag für uns alle.“

Kumpis‘ Wahl hatte auch sehr viel mit der speziellen Gemengelage in Braunschweig zu tun. Die Eintracht ist nach den Zweitliga-Abstiegen 2018 und 2021 tief gespalten, das zeigte auch der knappe Sieg der neuen Präsidentin über ihren Gegenkandidaten Axel Ditzinger (472:411 Stimmen). Der Unternehmer wollte eine komplette Neuaufstellung des Clubs. Kumpis möchte die verschiedenen Lager wieder zusammenführen. Am Ende setzte sich ihr Ansatz durch. Mit der ehemaligen Hockey-Nationalspielerin Bettina Heinicke gehört nun auch eine zweite Frau als Vizepräsidentin zu ihrem Führungsteam. (dpa)

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