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Eine Karriere im Schatten des Missbrauchs : Jan Hempel bricht das Schweigen im Schwimmsport

In einer ARD-Doku spricht der Ex-Wasserspringer über sexuelle Übergriffe während seiner Karriere. Auch andere Sportler und Sportlerinnen erheben Vorwürfe.

Eine Karriere im Schatten des Missbrauchs : Jan Hempel bricht das Schweigen im Schwimmsport

Mehrere Sportler und Sportlerinnen berichten von Missbrauchsvorfällen im Schwimmsport.Foto: Imago Images

Das Schwimmbad Bernat Picornell. Hier, bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, hätte Jan Hempel den größten Moment seiner Sportkarriere erleben können. Doch der ehemalige Wasserspringer patzte, verpasste eine Medaille. Nun, 30 Jahre später, ist er an diesen Ort zurückgekehrt.

In der ARD-Dokumentation „Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport“, die am Samstag ausgestrahlt wird (22:40 Uhr/ARD) berichtet er, was damals vorgefallen ist. 14 Jahre lang, bis 1996, habe ihn sein damaliger Trainer Werner Langer missbraucht. So auch unmittelbar vor dem olympischen Wettkampf auf der Toilette. „Alle haben geschwiegen“, sagt Hempel rückblickend, „bis heute“.

Doch Hempel will nicht mehr schweigen. Vor wenigen Wochen wurde bei ihm Alzheimer diagnostiziert und er merke, dass immer mehr aus seinem Kopf verschwinde. „Jetzt kann ich mich noch erinnern, aber ich weiß nicht, wie lange das noch der Fall ist.“

Mit seinen Schilderungen steht Hempel nicht alleine, die Doku zeichnet das Bild eines Systems, in dem Trainer wiederholt ihre Machtpositionen gegenüber Kindern und Jugendlichen ausnutzten. Mehrere Betroffene aus dem Schwimmsport kommen zu Wort, die von der Scham erzählen und von der Angst nicht ernst genommen zu werden – nicht einmal von der eigenen Familie.

„Er hat sich das systematisch aufgebaut“

Hempel sagt, sein Trainer habe damals „keinen Zeitpunkt ausgelassen, um seinen Wünschen und Bedürfnissen freien Lauf zu lassen“. Er sei elf Jahre alt gewesen, als er zum ersten Mal missbraucht worden sei. Langer selbst kann sich zu den Vorwürfen nicht äußern, er nahm sich 2001 das Leben.

„Er hat sich das systematisch aufgebaut“, sagt Hempel, „und sich mein Vertrauen erschlichen. Das hat er dann für seine Zwecke ausgenutzt.“ Spuren davon finden sich auch in Stasi-Unterlagen, in denen „Übernachtungen beim Trainer“ dokumentiert sind, wie die Doku zeigt. Langer selbst war inoffizieller Mitarbeiter.

Eine Karriere im Schatten des Missbrauchs : Jan Hempel bricht das Schweigen im Schwimmsport

Jan Hempel wurde mehrmals Europameister und holte bei den Olympischen Spielen Silber und Bronze.Foto: imago/Laci Perenyi

Es ist einer der schwerwiegendsten Missbrauchsvorwürfe, die ein Spitzensportler je öffentlich gemacht hat. Und sie reichen bis in die Gegenwart, denn Hempel wirft auch Wassersprung-Bundestrainer Lutz Buschkow vor, dazu beigetragen zu haben, dass die Vorfälle nie aufgeklärt wurden. Die ARD bat Buschkow um eine Stellungnahme, erhielt jedoch keine Antwort.

Hempel berichtet, dass er der Verbandsspitze 1997 die Vorfälle geschildert habe und wirft ihr vor, diese nie aufgearbeitet zu haben, sondern sich nur aufgrund eines Vorwands („Stasi-Vergangenheit“) von Langer getrennt zu haben.

Übergriffe bei den Spielen in Tokio

Es ist nicht das erste Mal, dass der Deutsche Schwimm-Verband sich mit Missbrauchsvorfällen auseinandersetzen muss. Erst im vergangenen Jahr hatte der „Spiegel“ über die Vorwürfe gegen den ehemaligen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz berichtet. Dieser wurde zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe verurteilt und soll dem Amtsgericht Würzburg zufolge jegliche „Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Schwimmsport“ unterlassen.

Aus der Doku geht allerdings hervor, dass Lurz mittlerweile beim Verein SV Würzburg 05 tätig zu sein scheint, dessen Präsident ausgerechnet sein Bruder, Thomas Lurz, ist.

Auch bei den Olympischen Spielen in Tokio soll es zu Übergriffen gekommen sein, wie zwei Mitglieder der DSV-Delegation in der Doku berichten. Das ist einer der Gründe, weshalb Hempel seine Erfahrungen öffentlich macht: Er glaubt, dass man es anderen für die Zukunft schuldig sei, darüber zu sprechen.

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