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„Die vierte Welle hat uns voll getroffen“ : Berlins Senatschef Müller und die Wut der Klinik-Chefs

Aggressive Patienten in Berlins Kliniken, Streit mit privaten Krankenhäusern und mehr Covid-19-Fälle – die Chefs von Charité und Vivantes sind wütend.

„Die vierte Welle hat uns voll getroffen“ : Berlins Senatschef Müller und die Wut der Klinik-Chefs

Charité-Chef Heyo Kroemer, Senatschef Michael Müller (SPD) und Vivantes-Geschäftsführer Johannes Danckert.Wolfgang Kumm/dpa

Obwohl 70 Prozent aller Berliner geimpft sind und sich wohl die Mehrheit der Menschen in der Stadt – wenn auch augenscheinlich nachlassend – an die Corona-Maßnahmen hält, steuern Berlins Kliniken auf eine Krise zu. Die Not auf den Intensivstationen wird angesichts von immer mehr Covid-19-Fällen größer.

Gemeinsam mit Senatschef Michael Müller (SPD) warben die Chefs der landeseigenen Krankenhausketten, Heyo Kroemer von der Charité und Johannes Danckert von den Vivantes-Kliniken, am Dienstag für Impfungen – sichtlich von verbreiteter Impfskepsis genervt.

Von den in diesen Tagen mit dem Coronavirus angesteckten Berlinern kämen in zwei, drei Wochen ein bis zwei Prozent ins Krankenhaus, 0,8 Prozent landeten gar auf einer Intensivstation – bei mindestens 2000 bekannten Neuinfektionen am Tag. So rechnete Kroemer im Roten Rathaus vor.

Sowohl die Universitätsklinik als auch die Vivantes-Krankenhäuser hatten schon vor einigen Tagen planbare Behandlungen verschoben, was intern – wie sich zeigt – zu Ärger führte. An der Charité würde nun 30 Prozent weniger operiert als sonst, sagte Kroemer, die Coronalage sorge dafür, dass die Klinik „mehrere Hundert Betten“ nicht betreiben könne, weil das Personal für Covid-19-Fälle gebraucht werde.

Patienten pöbeln Vivantes-Pflegekräfte an

Vivantes-Chef Danckert sprach von einer „dramatischen Situation“: Wie in anderen Kliniken fehlten erfahrene Pflegekräfte, weshalb man 20 Prozent weniger Intensivbetten zur Verfügung habe. Danckert berichtete zudem von aggressiven Patienten, die ärztliche Maßnahmen in Zweifel zögen und Pflegekräfte anpöbelten. Es herrsche zuweilen „Unverständnis“ über nötige Vorsichtsmaßnahmen – etwa Schutzregeln – und das sogar bei Covid-19-Kranken selbst.

Trotz angespannter Pandemielage geht Charité-Chef Kroemer nicht davon aus, bald mit der Frage nach Triage konfrontiert zu sein – zumindest nicht im landläufigen Sinne. Dem schloss sich Vivantes-Chef Johannes Danckert an. Das Wort Triage stammt von „trier“ – französisch für „sortieren“: Das heißt, Patienten, deren Genesungschancen besser sind, werden als erste behandelt. Wenn die Krankenhäuser gut zusammenarbeiteten, könne man die Lage beherrschen.

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Einige Kliniken aber, so ein Vorwurf unter Ärzten, halten sich derzeit zurück, Covid-19-Fälle aufzunehmen – auch, in dem sie sich als „überlastet“ vom Rettungssystem abmeldeten. Wie berichtet benötigen Corona-Infizierte viel Platz und Personal, weshalb die regulären, von den Krankenkassen auskömmlich bezahlten Operationen verschoben werden – und die Kliniken mit vielen Covid-19-Fällen aktuell Geld verlieren. Kroemer sprach ungewöhnlich direkt von „privaten Trägern“, die sich in der Covid-19-Versorgung derzeit nicht so engagierten wie es die beiden landeseigenen Klinikketten – also seine Hochschulmedizin und Vivantes – täten.

Werden die Covid-19-Patienten gerecht verteilt?

Die zwei Krankenhaus-Vorstände setzen auf das „Save“-Konzept der Berliner Intensivmediziner: Wegen der teuren Spezialtechnik sind kleinere Häuser für Menschen mit schweren Lungenkrankheiten oft ungeeignet, weshalb im März 2020 ein Konzept entworfen wurde. Als Level I behandelt die Charité die schwersten Fälle. Level II sind 16 Kliniken (darunter große Häuser von Vivantes, des gemeinnützigen DRK und des privaten Helios-Konzerns), die weitere schwerkranke Covid-19-Patienten versorgen. Level-III-Kliniken kümmern sich um Intensivfälle, die nicht mit Corona infiziert sind. Wichtig sei, sagten Kroemer und Danckert, dass der Bund zugesagt habe, den Krankenhäusern für die für Covid-19-Patienten reservierten Betten eine Ausgleichsprämie zu zahlen.

Für jedes im Vergleich zu 2019 nicht belegte Bett erhielten die Krankenhäuser vergangenen Winter eine einheitliche Pauschale von mindestens 560 Euro pro Tag. Denn die Kliniken finanzieren sich über bei den Krankenkassen abgerechnete Eingriffe.

„Die vierte Welle hat uns voll getroffen“ : Berlins Senatschef Müller und die Wut der Klinik-Chefs

Die Charité in Berlin.Foto: imago images/Dirk Sattler

Die Auslastung der Intensivbetten durch Corona-Patienten ist auf 15,4 Prozent gestiegen, auf dem Höhepunkt der Pandemie zur Jahreswende lag sie bei einem Drittel der Betten. Fast 570 Covid-19-Patienten liegen derzeit insgesamt in Berlins Kliniken, mehr als 160 auf einer Intensivstation, wo wiederum 140 von ihnen beatmet werden müssen. Fast zwei Drittel dieser Männer und Frauen davon werden in den staatlichen Häusern von Charité und Vivantes versorgt.

Die meisten stationären Corona-Kranken sind ungeimpft, doch die Zahl der sogenannten Impfdurchbrüche steigt. Angesichts der hohen Infektionszahlen sollen erneut Soldaten in den Gesundheitsämtern helfen. Das kündigte Senatschef Müller an: „Wir wollen die Bundeswehr einsetzen, und teilweise ist es schon erfolgt.“ Dafür sei „eine Notlage die Voraussetzung“, die Bezirke müssten alle eigenen Möglichkeiten ausreizen. In den bisherigen Wellen der Pandemie hatte die Bundeswehr unter anderem bei der Kontaktnachverfolgung geholfen.

„Die vierte Welle hat uns voll getroffen“, sagte Müller: „Mit allen Konsequenzen.“ Er dränge, sagte der Senatschef, zum Impfen. Für „sensible Berufe“ im Gesundheits- und Bildungswesen könne auch eine Impfpflicht sinnvoll sein.

Booster-Impfungen schon nach wenigen Monaten

Derzeit seien 70 Prozent der Berlin voll geimpft, gerade bei Älteren aber lasse der Schutz schon wieder nach. Er erhoffe sich deshalb für das Verabreichen von Drittimpfungen mehr „Spielraum“. Müller setzt darauf, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) und das Robert Koch-Institut (RKI) eine neue Empfehlung zu den Booster-Impfungen ausarbeiten. Man wisse von Ärzten, dass eine Auffrischungsimpfung auch für „Jüngere“ sinnvoll sein könne, zudem womöglich auch vor Ablauf der derzeit empfohlenen Sechs-Monate-Frist nach der zweiten Spritze.

Noch würde in den Impfzentren aber so verfahren, wie bislang von der Stiko empfohlen: Booster-Spritzen erst sechs Monate nach der letzten Dosis – und zunächst für Senioren. Als „ärztliche Einzelentscheidung“ gebe es Drittimpfungen aber bereits. Hunderte Mediziner allein in der Hauptstadtregion führen nach Tagesspiegel-Informationen auch dann Impf-Auffrischungen durch, wenn die letzte Spritze erst vier oder fünf Monate her ist.

Dass in Berlin immer noch zwei der einst sechs Corona-Impfzentren (CIZ) in Betrieb seien, habe der Stadt im Vergleich zu anderen Bundesländern genützt. Nun aber bremse Personalmangel den geplanten Wieder-Ausbau „dieser Infrastruktur“, sagte Müller. Zu den Zentren in der Messe und in Tegel soll ein neues an der Trabrennbahn Karlshorst entstehen. Männer und Frauen aus der im Lockdown pausierenden Gastronomie und Kultur, die in den Impfzentren geholfen hatten, seien nun vielfach wieder in anderen Jobs tätig. Wer helfen wolle und entsprechende Kenntnisse habe, bat Müller, sei aufgerufen sich jetzt wieder zu melden.

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