The latest news, top headlines

Die Transferperiode von Hertha BSC : Verleihen ist das neue Verkaufen

Hertha BSC ist durch. Am Deadline Day gibt der Klub noch zwei Spieler leihweise ab. Dieser Trend hat nicht nur Vorteile. Eine Bilanz der Transferperiode.

Die Transferperiode von Hertha BSC : Verleihen ist das neue Verkaufen

Wo geht’s hier nach Italien. Krzysztof Piatek ist schon übern Brenner. Jetzt versucht er es bei US Salernitana.Foto: IMAGO/Metodi Popow

Die Fans von Hertha BSC wünschen dem FC Schalke 04 traditionell nichts Gutes. Insofern müssten sie – unabhängig vom Abschneiden ihrer eigenen Mannschaft – im Moment ganz zufrieden sein. Die Schalker, Aufsteiger in die Fußball-Bundesliga, warten nach vier Spieltagen immer noch auf einen Sieg. Elf Gegentore haben sie zudem bereits kassiert, und das obwohl sie noch gar nicht gegen Bayern München gespielt haben.

Ob das allerdings für Herthas Fans wirklich ein Grund zur Freude ist, das sei mal dahingestellt. Denn im Tor der Schalker steht Alexander Schwolow, eine Leihgabe von Hertha BSC. Die Berliner selbst haben keine Verwendung mehr für den Torhüter, den sie 2020 für sieben Millionen Euro aus Freiburg geholt haben.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Am liebsten würde Hertha Schwolow dauerhaft von der Gehaltsliste kriegen, aber seine bisherigen Auftritte bei den Schalkern waren alles in allem noch keine Empfehlung für eine feste Verpflichtung. Gut möglich also, dass der Torhüter im nächsten Sommer wieder in Berlin aufschlägt. Völlig neu wäre das für Hertha BSC nicht.

Deadline Day, das hört sich irgendwo endgültig an. Danach kommt nichts mehr. Ist es im Fall von Hertha BSC aber nur bedingt. Viele Transfers, die der Klub in diesem Sommer getätigt hat, sind mit einer Fußnote versehen: Ist nur geliehen. Beziehungsweise: Ist nur verliehen. Was nichts anderes heißt als: Kann im nächsten Sommer wieder weg sein. Beziehungsweise: Ist im nächsten Sommer womöglich wieder da. „Wir werden noch einiges bereinigen müssen“, sagt Fredi Bobic, Herthas Sportchef, mit Blick auf das kommende Jahr. „Das ist sehr anspruchsvoll.“

Bobic hat diese Erfahrung bereits zur Genüge gemacht. In der Rückrunde der Vorsaison waren zehn Spieler an andere Klubs verliehen, allein Arne Maier und Eduard Löwen wurden anschließend verkauft. Alle anderen kehrten erst einmal zu Hertha zurück. Und während Trainer Sandro Schwarz von Anfang an nur Dodi Lukebakio und Jessic Ngankam fest eingeplant hat, sind Daishawn Redan und Omar Alderete gleich wieder verliehen worden, diesmal jedoch an andere Klubs.

Piatek wechselt wieder nach Italien

Das Gleiche gilt für Krzysztof Piatek, dessen Leihe zu US Salernitana in die Serie A wie erwartet am Deadline Day perfekt gemacht wurde. Es war die letzte Transaktion, die Hertha am Donnerstag tätigte. Fredi Bobic verkündete bereits drei Stunden vor Ablauf der Transferfrist im Interview mit Sky: „Wir haben nichts mehr zu tun.“

Der italienische Erstligist, der laut „Bild“-Zeitung eine Million Euro Leihgebühr für den Polen entrichtet, besitzt nach der Saison eine Kaufoption über – je nach Quelle – sieben bis zehn Millionen Euro. Schon in dieser Spielzeit aber spart Hertha das exorbitant hohe Jahresgehalt Piateks von 4,5 Millionen Euro ein.

„Mit dem Transfer haben wir eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden“, sagt Bobic. „Ich hoffe, dass er seine Buden macht. Dann ist es für beide Seiten gut.“ Weil Piatek damit die nötigen Argumente liefern würde, die Salernitana von einem Kauf des Stürmers überzeugen könnten.

Auf die Verpflichtung eines weiteren Angreifers als Reaktion auf Piateks Weggang verzichtet Hertha, obwohl kurz vor Ende der Transferfrist das Gerücht aufkam, die Berliner wollten nun doch noch einmal einen Versuch bei Ludovic Ajorque von Racing Straßburg unternehmen, der ihnen vor einigen Wochen noch zu teuer war. „Fakt ist, dass wir genügend Stürmer haben“, erklärt Bobic.

Leihen ist das neue Kaufen, Verleihen das neue Verkaufen. Das ist nicht zuletzt den Auswirkungen der Corona-Pandemie geschuldet. Viele Klubs müssen sparen, dadurch fehlt auf dem Transfermarkt die Nachfrage. Und bevor man das Risiko eingeht, viel Geld in einen Spieler zu investieren, verständigt man sich lieber erst einmal auf eine Art Probejahr, um zu sehen, ob es wirklich passt.

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Der Trend zum Leihgeschäft betrifft daher keineswegs nur Hertha BSC. Die Berliner aber, die sich seit mindestens drei Jahren im Dauerumbruch befinden, trifft dieser Trend besonders hart. Eine stringente und vor allem vorausschauende Personalplanung ist unter den aktuellen Gegebenheiten nur schwer möglich. Herthas Sportgeschäftsführer Bobic weiß ja gar nicht, welche Spieler nach der Saison zurückkehren.

Die Leihen, die Hertha in diesem Sommer getätigt hat, dienen nur selten dazu, jungen Spielern, die noch nicht reif genug sind für die Bundesliga, eine oder zwei Klassen tiefer wichtige Spielpraxis zu verschaffen. Das ist beim 19 Jahre alten Mesut Kesik so, der nun ein Jahr beim türkischen Zweitligisten Göztepe unter Vertrag steht.

Hertha mit großem Transferplus

Oder beim gleichaltrigen Luca Wollschläger, der am Donnerstag für ein Jahr an den Drittligisten Rot-Weiss Essen verliehen wurde. „Für seine Entwicklung ist es wichtig, dass er im Seniorenbereich Spielzeit auf möglichst hohem Niveau sammelt. Diese Voraussetzung ist in Essen gegeben“, erklärt Bobic. „Im kommenden Sommer erwarten wir Luca dann zurück bei uns.“

Bei den übrigen sechs verliehenen Spielern ist der Plan ein anderer. Sie sollen sich so empfehlen, dass sie im Idealfall gar nicht mehr zurückkommen. Sonst könnten Bobic im nächsten Sommer wieder genauso die Hände gebunden sein, wie sie es in diesem Sommer waren.

Die Kosten reduzieren und Platz im Kader schaffen: Das war seine vorrangige Aufgabe. „Wir hatten einen harten Sommer“, sagt Bobic. Tatsächlich haben die Berliner, die das Geld vor kurzem noch mit beiden Händen auf den Markt geschmissen haben, in dieser Transferperiode einen Überschuss von rund 18 Millionen Euro erzielt und dazu die Personalkosten deutlich reduzieren können.

Was das für die Qualität des Kaders bedeutet, ist dann wieder eine andere Frage. 

 

Abgänge:
Arne Maier (Augsburg, 5 Millionen Euro), Jurgen Ekkelenkamp (Antwerpen, 5 Millionen), Javairo Dilrosun (Feyenoord, 4 Millionen), Jordan Torunarigha (Gent, 3,5 Millionen), Dedryck Boyata (Brügge, 2 Millionen), Eduard Löwen (St. Louis, 1 Million), Anton Kade (Basel, 1 Million), Krzysztof Piatek (Salerniatana, Leihe, 1 Million), Alexander Schwolow (Schalke, Leihe, 300.000), Santiago Ascacibar (Cremonese, Leihe), Omar Alderete (Getafe, Leihe), Fredrik Björkan (Feyenoord, Leihe), Daishawn Redan (Utrecht, Leihe), Mesut Kesik (Göztepe, Leihe), Luca Wollschläger (Essen, Leihe), Niklas Stark (Bremen), Ishak Belfodil (Al-Gharaffa), Marcel Lotka (Dortmund), Lukas Klünter (Bielefeld), Nils Körber (Rostock).

Zugänge:
Wilfried Kanga (4 Millionen), Jessic Ngankam (500.000), Agustin Rogel (400.000), Filip Uremovic, Jean-Paul Boetius, Jonjoe Kenny, Ivan Sunjic, Chidera Ejuke.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.