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Die Londoner Kunstmesse Frieze : Mühsam normal mit stiff upper lip

Der britische Kunsthandel versucht an Zeiten vor dem Brexit und der Pandemie anzuknüpfen. Doch Galeristen und Besucher halten sich zurück.

Die Londoner Kunstmesse Frieze : Mühsam normal mit stiff upper lip

Blick in den Stand der Berliner Galerie Tanja Wagner mit einer Soloschau von Cathrin Hoffmann.Foto: Cathrin Hoffmann/Galerie Tanja Wagner, Berlin

Der Kunstmarkt ist im Eimer. Wenn Banksys berühmtes Shredder-Bild „Love is in the Bin“ bei der Auktion von Sotheby’s im Rahmen der Frieze-Woche seinen ohnehin schon absurden Schätzpreis mal eben locker verdreifacht und für 16 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld 18,6 Mio.) einem Telefonbieter zugeschlagen wird, sind dem Kunstmarkt offensichtlich Maß und Mitte verloren gegangen. Zumal sich zeitgleich in den beiden Zelten der Frieze London und der Frieze Masters alle Teilnehmer mit einer stiff upper lip Mühe geben, Normalität zu simulieren.

Nach knapp zwei Jahren Pandemie und der spezifisch britischen Brexit-Thematik ist das gar nicht so einfach. Die Einfuhr von Gütern aller Art – nicht zuletzt von Kunst – erweist sich nicht nur als bürokratisches Monster, sie ist vor allem extrem teuer. Großbritannien ist wieder eine Insel, auch wenn der Kontinent in Sichtweite liegt.

Nicht nur die US-Amerikaner machen sich rar

Das ist auf der Frieze zu spüren. Nicht nur US-Amerikaner machen sich rar, wenn auch nicht so sehr wie auf der Art Basel vor wenigen Wochen. Selbst viele Festlandeuropäer scheuen die Reise ins ungewohnt maskenfreie EU-Ausland.

Die Aussteller haben sich auf einen schwierigen Markt vorbereitet und einfache Ware mitgebracht. Der Berliner Galerist Johann König ist dennoch zufrieden: „Auch die Frieze erweist sich nach der Art Basel als immer noch international funktionierender Absatzmarkt“, erklärt er. „Es gab zwar erschwerte Probleme durch die Einfuhr und erhöhte Kosten für den Transport, aber Kunst lebt davon, in der Realität wahrgenommen zu werden.“ Sein Stand verzichtet allerdings auf das sonst gewohnte Statement und setzt auf ein Potpourri kleinerer Formate.

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Leichte Verkäuflichkeit in schwierigen Zeiten scheint bei vielen Ausstellern die Devise zu sein. Allerdings sind die Formate größer als noch in Basel. Dekorativ ist dennoch Trumpf. Im Vergleich fällt außerdem auf, dass politische Inhalte eine wichtigere Rolle spielen, während in Basel dröhnende Stille herrschte.

Eine Sonderausstellung soll der Messe street credibility bescheren

„Unworlding“ heißt die Losung, durch die Realität ins abgeschottete Messezelt kommen soll. Die Wortschöpfung umschreibt das Konzept des französischen Kurators Cédric Fauq, abgeleitet vom vieldeutigen Begriff „undoing“ der Welt, wie wir sie kennen. Undoing kann sowohl rückgängig- als auch zunichtemachen bedeuten. Fauqs Ausstellung mit zehn ausgewählten Positionen – pikanterweise platziert zwischen den VIP-Lounges – beschert der Frieze jene street credibilty, die andere Messen im Top-Segment so oft vermissen lassen.

Nach London hat es auch Hua International aus Berlin und Peking geschafft, eine Galerie, die in ihrer jetzigen Form gerade einmal zwei Jahre existiert. Die Koje bringt auf kleinster Fläche organische Skulpturen aus Glas mit Installationen und Elementen von Performances der französischen Künstlerin Fanny Gicquel (3.400 bis knapp 10.000 GBP) zusammen. Hua International setzt damit ein Zeichen, das die junge Galerie frühzeitig auf die Agenda der großen Messen bringen könnte.

Das andere Ende des schier endlos scheinenden Zeltes ist traditionell der jungen Kunst im „Focus“-Sektor vorbehalten. Hier setzen die Galerien eher auf Statements, wie Tanja Wagner aus Berlin, die mit ihrer Künstlerin Cathrin Hoffmann einen sensationellen Stand aus einem Guss gestaltet hat. Er verwischt die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur, Illusion und Raum und verbindet sich zu einem fließenden und verstörenden Ganzen. Die einzelnen Arbeiten kosten zwischen 7.000 und 16.000 Euro.

Bei den Frieze Masters glänzen Henry Moore und Frantisek Kupka

Am Nordende des Regent’s Park bei der Frieze Masters ist die Geschwindigkeit traditionell reduziert. Hier hat man sich ebenfalls mit den geänderten Gegebenheiten arrangiert. Emanuel von Baeyer aus London widmet dem Whistler-Schüler Walter Richard Sickert große Flächen, um das einheimische Publikum anzusprechen. Bei Preisen ab 400 Pfund sind kleine Zeichnungen Mitnahmeobjekte, das teuerste Gemälde kostet 30.000 Pfund. Das Renommierstück an seinem Stand ist allerdings ein abstraktes Bild von Frantisek Kupka aus dem Jahr 1914 für 450.000 Pfund.

Genau am richtigen Ort fühlt sich die ebenfalls einheimische Galerie Osborne Samuel mit ihrer Solo-Show von Henry Moore. Gerade solche sehr britischen Präsentationen sichern der Frieze Masters eine einzigartige Stellung in der Messelandschaft. Das Crossover und die extrem aufwändige Standgestaltung einiger Galerien hat sie mit der Tefaf in Maastricht gemeinsam. Immerhin: Mit der Königin der Kunstmessen auf Augenhöhe zu sein, ist eine Leistung.

Viele der kleinen Messen rundum fallen diesmal aus

Das Drumherum der ansonsten wuseligen Frieze-Woche ist in diesem Jahr ebenfalls reduziert. Die kleine Sunday Art Fair von und für Avantgarde-Galerien – vergleichbar der Paris Internationale oder der June in Basel – setzt ebenso aus wie die edle PAD für Design in Mayfair. Einzig die „1-54“ im Somerset House findet statt.

Die Veranstaltung mit Standorten in London, Marrakesch und New York hat sich international als Leitmesse für Kunst aus Afrika etabliert. 19 der 47 Teilnehmer stammen aus Afrika, etwa ebenso viele aus den europäischen Zentren afrikanischer Kunst, Paris und London. Aus Deutschland ist lediglich Sakhile & Me aus Frankfurt dabei.

Auf der „1-54“ darf sogar Christie’s einen Stand haben

sind die Die neuesten Trends zur Diversifizierung der eigenen Sammlung bieten sich gerade auf der „1-54“, weniger auf den Frieze-Messen, die mit „Spotlight“, „Focus“ und „Unworlding“ dem Blue Chip-Einerlei ihrer Hauptteilnehmerfelder immerhin etwas entgegenzusetzen versuchen. Etwas irritierend ist bei der „1-54“ nicht nur der Umstand, dass zwar die meisten Künstler schwarz, die Galeristen in der Regel jedoch weiß sind.

Ein Tabubruch wäre auf allen etablierten Messen die Präsenz von Auktionshäusern. Im Somerset House tritt allerdings Christie’s nicht nur mit einem eigenen Stand an. Der Versteigerer bietet zudem als einziger Aussteller NFTs (Non Fungible Tokens) an – zum Festpreis, nicht im Auktionsformat. Der Kunstmarkt ist wahrlich durcheinandergeraten.

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