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Die Gefährdung von Künstlern durch die Taliban : Draußen vor dem Flughafen

„Es sind Tausende vor dem Tor“: Wie eine unabhängige Theatergruppe versucht, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Kabul herauszubringen.

Die Gefährdung von Künstlern durch die Taliban : Draußen vor dem Flughafen

Chaos am Airport. Gerade auch viele Künstler:innen flüchten aus Afghanistan.Foto: dpa

Die Machtübernahme der Taliban ändert die Leben vieler Menschen. Besonders gefährdet sind Aktivistinnen und Aktivisten, die Kriegsverbrechen der vergangenen vier Jahrzehnte aufklären und aufarbeiten wollen und sich dabei bildnerischer Mittel bedienen. Kunst und Wahrheit passen nicht ins Weltbild der Taliban.

Deshalb befinden sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Menschenrechtsorganisationen und Künstlerinitiativen jetzt mitten in Kabul auf der Flucht.

„Letzte Woche haben wir unser Büro und unser Kriegsopfermuseum evakuiert“, erzählt H. dem Tagesspiegel am Telefon. Er möchte aus Sicherheitsgründen nicht seinen kompletten Namen in der Zeitung lesen und auch nicht den Namen seiner Organisation. „Die Lage ist extrem angespannt und unsere Leute vor Ort sind sehr nervös“, lautet seine jüngste Sprachnachricht.

Er befindet sich derzeit außerhalb Afghanistans. „Ich wünschte aber, ich wäre bei meinen Leuten“.

2007 war H. erstmals in Afghanistan. Der Theatermann ist beseelt von den Wirkungen, die das Theater der Unterdrückten in der Tradition von Augusto Boal bei Menschen auslösen kann. „Im Theater der Unterdrückten, geht es darum, mit dem Publikum Handlungsalternativen zu eruieren, Möglichkeiten der Selbstermächtigung auf der Bühne auszuprobieren, um dann idealerweise individuell und kollektiv im wirklichen Leben außerhalb der Bühne in Aktion treten zu können“, erklärt er.

Die Gruppe eröffnete in Kabul das Kriegsopfermuseum

Und betont: „Ziel ist es, den Kampf gegen die Straffreiheit im Land aus der Perspektive der Kriegsopfer zu führen, um ein besseres, gerechteres, schöneres und friedlicheres Afghanistan für alle zu kreieren.“

2009 gründete H. mit afghanischen Kolleginnen und Kollegen eine unabhängige Organisation. Die 25 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen organisierten im ganzen Land zahlreiche Workshops, Theateraufführungen und Ausstellungen. In ihnen ging es darum, Kriegsopfer reden zu lassen, ihnen eine Stimme zu verleihen.

Die Stimmen vereinten sich zu einem Chor, einem Orchester, einem Museum gar. 2019 eröffnete die Gruppe in Kabul das Kriegsopfermuseum. Herzstück sind die sogenannten Memory Boxes. In mehrtägigen Workshops wurden traumatisierte Kriegsüberlebende eingeladen, Erinnerungsstücke an ihre toten Familienmitglieder mitzubringen, dazu in künstlerischen Prozessen neue Objekte zu kreieren und all das zu kleinen Installationen in eben diesen Boxen zusammenzufügen.

Die Boxen sind jetzt in verschiedenen Orten in Kabul vergraben. Sie enthalten Aufzeichnungen über Kriegsverbrechen von Taliban und Warlords, bis zurück in die Zeit der sowjetischen Besatzung.

Nur drei der 25 afghanischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist bislang die Ausreise gelungen. M., einer von ihnen, hält sich in Bischkek, Kirgistan auf, und koordiniert von dort aus die Evakuierung.

Im Flughafen gibt es zwei Evakuierungszentren

M. ist verzweifelt. Zwar war stehen die Namen aller seine Kolleginnen und Kollegen auf Evakuierungslisten des Auswärtigen Amtes. Sie sollen mit der Bundeswehr ausgeflogen werden. Aber seit Dienstag ist es nur einer Person von ihnen gelungen, ins Innere des Flughafens zu gelangen.

„Das Problem: Es gibt zwei Evakuierungszentren im Flughafen, eines von den US-Amerikanern, eines von den Briten. Sie schicken auch jeweils Soldaten ans Gate, die mit Namenslisten ausgerüstet sind und die Berechtigten einlassen. Von den deutschen Stellen vor Ort kommt aber niemand an das Tor. Niemand hat dort die Namenslisten, niemand lässt die Berechtigten durch“, teilt er M. dem Tagesspiegel per WhatsApp mit.

Nicht einmal R., eine Kollegin, die es in den Flughafen schaffte, konnte etwas bewirken. Die Situation dort schildert R. als „angespannt“. Immer wieder notiert sie, wie Briten und Amerikaner Leute ausfliegen: „Mehrere Hundert Personen durch die Amerikaner, auch Afghanen darunter“– „Alle 30 Minuten geht ein Flugzeug“, lautet ein anderer Post.

Sie selbst will nicht gehen. „Wenn es klappt, dann nur für uns alle“, schreibt sie. Doch die Hoffnung wird immer geringer.

Draußen vor dem Flughafen drängen sich die Menschenmengen. „Es sind Tausende vor jedem Tor“, beschreibt S. die Situation. In seiner Audiobotschaft hört man plötzlich Schüsse. „Die internationalen Truppen. Sie wollen, verhindern, dass die Leute in den Flughafen gelangen. Sie wollen auch, dass die Leute weggehen.Aber niemand geht weg“.

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S. ist am Flughafen, weil er Freunde und Kollegen dorthin begleitet hat. Er hat sich entschieden, noch in Kabul zu bleiben. Sein Name steht zwar auf einer Evakuierungsliste, der seiner Frau und ihrer vier Kinder aber nicht. Er möchte sie nicht allein lassen.

Doch er fragt sich auch:, ob es nicht besser sei, doch zu fliegen, sich in Sicherheit zu bringen und dann die Familie nachzuholen? Die restriktive Evakuierungspolitik zerreißt in Afghanistan derzeit viele Familien.

Bei den Ausreisewilligen, sorgt eine neue Nachricht für Hoffnung. „Wir haben erfahren, dass internationale Organisationen eine Chartermaschine in den Kosovo organisieren wollen. Sie soll nur für afghanische Menchenrechtsaktivisten sein“, schreibt H.

„Ich bin ausgelaugt“

Wenig später meint er ernüchtert:. „Die Amerikaner beherrschen den Luftraum. Sie lassen derzeit keine Charterflüge zu. Man muss Druck auf sie ausüben, dass sie das ändern.“

Im Flughafen ist die Enttäuschung und Erschöpfung bei R. mittlerweile so groß, dass sie aufgibt. „Ich bin ausgelaugt, ich fühle mich krank“, schreibt sie. In der Nacht zum Donnerstag, nach 40 Stunden vergeblichen Ausharrens, verlässt sie den Flughafen – über das Tor, das ihren Kollegen und Kolleginnen versperrt bleibt.

Sie durchschreitet es in die andere Richtung, passiert die Sperren der Taliban und geht in die Wohnung einer befreundeten Familie. Wie es weitergeht, weiß niemand. Die Angst ist groß – und die Erinnerungen der Opfer vergangener Kriege liegen vergraben in Kabul. Jetzt aber sind auch die Menschen, die andere zum Sprechen über ihr Leid und zum Verarbeiten desselben ermutigt haben, Stofflieferanten für die Memory Boxes.

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