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Die Filmemacherin Ulrike Ottinger : Leben ist unterwegs sein

Bilderkünstlerin vom Bodensee: der Abenteuerin, Pionierin und Autorenfilmerin Ulrike Ottinger zum 80. Geburtstag.

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger : Leben ist unterwegs sein

Ulrike OttingerFoto: Kai-Uwe Heinrich

Sie drehte in China, Japan und der Mongolei, reiste in entlegene Polarkreisregionen, aber am schwierigsten war die Reise in die eigene Vergangenheit. Nachdem Ulrike Ottinger sich 2020 in „Paris Calligrammes“ auf die Spuren ihrer Anfänge als Malerin begeben hatte, damals, als sie mit gerade 20 für sieben studentenbewegte Jahre nach Paris aufbrach, gestand sie freimütig, es sei ihre herausforderndste Reise gewesen. Das Autobiografische stecke zwar in all ihren Arbeiten, aber der Blick aufs Private habe sie noch nie interessiert. Sich an sich selbst erinnern, was für ein Abenteuer.

Von einer die auszog, die Welt zu begreifen und das Ich in der Welt: Wer ihr begegnet, der Bilderkünstlerin vom Bodensee mit Pariser Pop-Art-Vergangenheit und Berliner Underground-Jahren ab 1973, auf die dann eine einzigartige Spielfilm-, Dokumentarfilm- und Fotografiekarriere folgte, erlebt sie genauso, als wissbegierige Reisende. Entweder sie berichtet von ihrer jüngsten Expedition oder von den Vorbereitungen auf die nächste.

Opernhafte Opulenz

Leben ist unterwegs sein. Auf Premierenfeiern oder Vernissagen stromert Ulrike Ottinger mit ihrem feinen, mädchenhaften Lächeln und den legeren (aber maßgeschneiderten!) Hosenanzügen ebenso von Grüppchen zu Grüppchen, wie sie sich als autodidaktische Pionierin zwischen den Genres bewegt.

Im Dokumentarischen macht sie das Fantastische aus, umgekehrt tränkt sie ihre Fiktionen mit Realität, wie in „Jeanne d’Arc of Mongolia“ von 1989. Oder sie tauscht das opernhaft Opulente ihrer gender-diversen Filme wie „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ gegen die Erhabenheit der Natur und die Kleinode des Alltags ein, vor allem in ihren Asien-Filmen.

Immer zieht es sie in die Ferne, ob sie nun in „Bildnis einer Trinkerin“ mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Tabea Blumenschein der Exotik ihrer West-Berliner Wahlheimat nachgeht oder in „Chamissos Schatten“ zur zwölfstündigen Erkundung der Arktis rund um die Beringsee lädt. In vertrauter Umgebung macht sie das Befremdliche aus, gleichzeitig bringt sie einem vergessene Weltgegenden nahe. Und stets führt sie selbst die Kamera, in bisher 26 Filmen, viele mit XXL-Länge.

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Manchmal könnte man meinen, Ottinger, diese unerschrockene und zugleich akribisch sich vorbereitende Forschungsreisende, sei eine Figur aus einem verblichenen Jahrhundert, in der Privatgelehrten-Manier eines Adelbert von Chamisso und der feministischen Tradition einer Annemarie Schwarzenbach. Als neugierige Sammlerin ist sie ihrer französischen Kollegin Agnès Varda nicht unähnlich.

Aber Ottinger bleibt Ottinger, unverwechselbar, im besten Sinn unersättlich. Ihr rhizomatisch wucherndes Werk schließt Revuen, Collagen und das Experimentelle ebenso ein wie die Reisereportage. Mit der Folge, dass ihreArbeiten nicht nur auf der Berlinale zu sehen sind, sondern auch auf der Documenta und der Biennale Venedig. Sie kreiert Installationen für Museen und Galerien, publiziert Fotobände, hat ständig Projekte am Start.

Schätze in der Altbauwohnung

Basisstation für all ihre Unternehmungen ist ihre Altbauwohnung in der Kreuzberger Fichtestraße. Dort lebt sie seit 1979, dort sind ihre Schätze versammelt, Fotoschachteln, Diakästen, Krimskrams, Gastgeschenke, Ritualwaffen, Knochenschnitzereien. Wobei Ottingers Schatzkammer nicht nur ihre Reiseleidenschaft offenbart, sondern auch die Themen, mit denen sie sich zeitlebens befasst: das Frau-Sein und queere Identitäten, Unrecht und Kolonialismus, die Peripherien des Globus. Fundamentalismus ist ihr fremd, ideologisch verengten Standpunkten setzt sie offene Sichtweisen entgegen.

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Es gibt viele Gründe, Ulrike Ottinger zu feiern, an ihrem 80. Geburtstag an diesem Pfingstmontag. Typisch Ottinger: Sie bittet ihr Publikum zum Mitfeiern. Die Kunsthalle Baden-Baden zeigt noch bis 19. Juni den „Cosmos Ottinger“, in Wien und Hamburg laufen bis Ende des Monats Ottinger-Werkschauen, eine 736-seitige Publikation erkundet unter dem Titel „ZwischenWelten“ ihre Filme „im Spiegel der transatlantischen Kritik“.

[Die Filmreihe „Happy Birthday – Ulrike Ottinger“ läuft von 6. bis 26. 6., in den Kinos Arsenal, Delphi, fsk, Klick. Infos: arsenal-kino.de]

In Berlin würdigen gleich mehrere Kinos sie mit einer „Happy Birthday, Ulrike Ottinger“-Reihe. Sie startet am 6. Juni mit dem 50-Minuten-Poem „Die Betörung der Blauen Matrosen“ (1975) im Klick-Kino, eine wilde Produktion, in der neben Blumenschein auch Valeska Gert und Rosa von Praunheim auftreten. Bei der Wiederaufführung von „Bildnis einer Trinkerin“ (1979) am Mittwoch im Arsenal ist Ottinger persönlich zu Gast.

Zum Abschluss am 26. Juni zeigt das Klick „12 Stühle“. In einem der Stühle ist Juwelenschmuck versteckt, nur in welchem? Die dreistündige Schatzsuche führt unter anderem nach Odessa und auf die Krim. Ulrike Ottinger lenkte ihr Augenmerk schon zu einer Zeit auf die Ukraine, als es sich noch nicht um ein Land im Krieg handelte. Sondern um eine jener uralten Kulturlandschaften in Osteuropa, die der Westen viel zu lange schmählich ignoriert hat.

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