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Deutsches Symphonie-Orchester : 75 Jahre, 400 Uraufführungen – eine Erfolgsgeschichte

Das Deutsche Symphonie-Orchester wird 75 Jahre alt und feiert im November sein Jubliäum. Es hat sich eine enorme stilistische Flexibilität erarbeitet.

Deutsches Symphonie-Orchester : 75 Jahre, 400 Uraufführungen – eine Erfolgsgeschichte

In Bewegung bleiben. DSO-Chefdirigent Robin Ticiati im Paternoster-Aufzug des RBB-Funkhauses.Foto: Jörg Brüggemann

Sie sind beide im selben Alter: Am 27. September 1945 erschien die allererste Ausgabe des Tagesspiegels, am 15. November 1946 gründete der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ sein eigenes Sinfonieorchester. In Schrift und Ton sollten solche neu geschaffenen Institutionen dazu beitragen, aus dem untergegangenen Nazideutschland einen demokratischen Staat zu machen. „In der Reeducation-Politik der USA spielte Kultur eine zentrale Rolle“, schreibt Habakuk Traber in der Jubiläumsbroschüre des früheren RIAS-Ensembles, das heute Deutsches Symphonie-Orchester heißt.

Erst für die Ausstrahlung im Rundfunk, dann auch bei Live-Konzerten wurden Komponisten aufgeführt, die im „Dritten Reich“ verfemt waren. Außerdem ging es um die Wiederentdeckung von deutschen Exilanten und um jene Bereiche des internationalen zeitgenössischen Musiklebens, die den Hörern seit 1933 verschlossen geblieben waren. Angebote zur Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern waren die Gastspielreisen des Orchesters: Symbolkraft hatten hier vor allem zwei Europa-Tourneen 1959 und 1961 mit dem jüdischen Geiger Yehudi Menuhin als Solisten.

Neue und neueste Musik vorzustellen, gehört zu den vornehmsten Aufgaben von Radio-Orchestern: Weit über 400 Ur- und Erstaufführungen von 274 verschiedenen Komponist:innen hat das DSO in den 75 Jahren seines Bestehens realisiert – und sich damit eine enorme stilistische Flexibilität erarbeitet. Diesen Trumpf will Robin Ticciati, der aktuelle Chefdirigent, im November beim Jubiläumskonzert ausspielen: Von Ralph Vaughan Williams über Strauss, Dvorak und Ernest Chausson bis hin zum britischen Zeitgenossen George Benjamin reicht das Spektrum der individuellen Handschriften. Außerdem ist eine „Improvisation über Vergangenheit und Zukunft“ geplant, in die sich der Dirigent gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern stürzen will.

[Weitere Infos zum Jubiläum und zur Saison 2021/22 unter www.dso-berlin.de]

Spontaneität ist überhaupt eine Tugend, die Robin Ticciati pflegen möchte. Denn er sieht sie als „positives Momentum“ der Coronakrise: „Die Pandemie hat unsere Prozesse kompromisslos aus den Angeln gehoben“, schreibt er in der Jubiläumsbroschüre: „Was im letzten Jahr im DSO entstand, wäre in dieser Dichte, Komplexität und Verschiedenheit niemals zustande gekommen, hätte man all diese Ideen mit dem üblichen Vorlauf von etwa zwei Jahren planen wollen.“ Die in den Lockdowns erzwungene Kurzfristigkeit der Planung habe im Orchester enorme kreative Potenziale aktiviert: „Es hat uns mit etwas in Berührung gebracht, dass ich als ,Genie des Augenblicks’ bezeichnen möchte.“

Ticciati passt in die Ahnengalerie seiner Vorgänger

Diese besondere Energie will Ticciati auch künftig regelmäßig freisetzen, und er hat dafür ein Format geschaffen: Bei „Neues vom Tage“ wird das Programm erst unmittelbar vor dem Konzert zusammengestellt – und zwar als Antwort auf die Frage: „Was können wir zum öffentlichen Leben beitragen, das in der derzeitigen Lage Inspiration und Kraft verspricht?“

Der 1983 in London geborene Ticciati war 31 Jahre jung, als er zum ersten Mal das Deutsche Symphonie-Orchester dirigierte – das ihm daraufhin sofort den Chefdirigentenposten anbot. Damit passte er gut in die Ahnengalerie seiner Vorgänger: Ferenc Fricsay, der erste künstlerische Leiter, trat sein Amt mit 35 Jahren an, Lorin Maazel, sein Nachfolger, war als Debütant 26, als Chef dann 34 Jahre alt, Riccardo Chailly sogar nur 29 Jahre.

Als Vladimir Ashkenazy 1989 den Posten übernahm, blickte er zwar auf 52 Lebensjahre zurück, aber ebenso auch auf eine glanzvolle erste Karriere als Pianist. Kent Nagano und Ingo Metzmacher waren beide beim 49 Jahre alt, Tugan Sokhiev startete als DSO-Chef mit 35.

„Bequeme Kapellmeister“ habe man nie haben wollen, sagt Eberhard Wangemann in der Jubiläumsbroschüre. Er war von 1955 bis 1985 Geiger im Orchester und ist mittlerweile 101 Jahre alt. Die künstlerischen Leiter wünschte sich das DSO immer so anspruchsvoll, dass sie in den Proben dort erst mit der Detailarbeit anfangen, wo andere aufhören: „Wir wollten uns ruhig zwiebeln lassen, aber wirklich alle Möglichkeiten des Klangs ausschöpfen.“

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