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Der Schweizer Abwehrchef im Interview : Manuel Akanji ist schneller als ein Taschenrechner

40,32 mal 16,5? Ist weiter mit den Schweizern zu rechnen? Für Manuel Akanji kommt es bei beiden Fragen auf den Kopf an.

Der Schweizer Abwehrchef im Interview : Manuel Akanji ist schneller als ein Taschenrechner

Nach dem 1:1 gegen Wales zum Auftakt der EM färbte sich Manuel Akanji die Haare blond.Foto: dpa

Herr Akanji, was ergibt 24 mal 75?
(Wie aus der Pistole geschossen) 1800.

Diese Rechenaufgabe wurde Ihnen 2018 im Rahmen eines Interviews beim SRF gestellt. Der Moderator benutzte einen Taschenrechner – und hatte keine Chance gegen Sie.
Ach, ich hatte völlig vergessen, dass es diese Rechnung war. Aber für mich ist der Rechenweg auch sehr einfach, weil das eine 25er-Nummer ist.

Wie bitte?
Also: 75 ist in der 25er-Reihe, das macht es für mich einfacher, weil ich weiß, dass 24 mal 75 ein Ergebnis mit zwei Nullen am Ende sein wird. Das grenzt es für mich schon mal extrem ein. 24 mal 100 ergibt 2400, klar. Entweder teilt man das also durch vier und multipliziert es mit drei. Oder man zieht direkt 25 Prozent von der 2400 ab. Das macht es also wesentlich einfacher als, zum Beispiel, 24 mal 73.

Denn das ist?
1752.

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Wie haben Sie das gelernt?
Einige Zahlenkombinationen kenne ich natürlich auswendig, aber es ist eher das System dahinter, das ich verstanden habe. Mein Mathelehrer hat in der Primarschule kleine Kopfrechenturniere veranstaltet. Wer als Erstes die richtige Lösung gerufen hat, kam eine Runde weiter. Und, na ja, ich gewinne halt immer gerne. Als kleiner Junge habe ich dann aus allen Zahlen, die ich im Alltag gesehen habe, kleine Rechnungen gemacht.

Sie durchliefen die Jugend in Winterthur, mit 19 Jahren spielten Sie in der zweiten Schweizer Liga. Trotzdem notierten Basler Scouts in einem Analysebogen: „über Niveau FC Basel“. Hatten Sie das Gefühl auch?
Als Zweitligaspieler vom FC Winterthur fühlte ich mich damals weniger als Profi in dem Sinne, wie ich es danach beim FC Basel und jetzt natürlich erlebe. Sie müssen wissen: Ich hatte bis dahin nie in einer Juniorennationalmannschaft gespielt, hatte nach der Schule eine kaufmännische Lehre begonnen – denn die Garantie, dass man den sportlichen Durchbruch schafft, kann dir keiner geben. Vom FC Basel hatten wir im Pokal vier Tore eingeschenkt bekommen. Ich kam also in ein Team, das über Jahre das beste in der Schweiz war. Für mich ging es primär darum, auf diesem Niveau Spielminuten zu sammeln. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich noch einen Schritt weiter gehen könnte. Das ist ein Prozess.

Was ist wichtiger für eine Profikarriere: Kopf oder Körper?
Ich würde sagen: Kopf. Ich habe viele Spieler in den Juniorenmannschaften beobachtet, die mir körperlich überlegen waren, die aber ab einem bestimmten Punkt in ihrer Karriere nicht mehr weiterkamen. Den mentalen Faktor darf man nicht unterschätzen. Ich war als Kind eher schmächtig und habe lange auf einen Wachstumsschub warten müssen. Meine Mama hat mich immer wieder beruhigt und hat mir gesagt, dass mein Vater sich körperlich auch erst spät entwickelt hat. Davon habe ich am Ende auch profitiert, weil ich mit der Zeit vom Offensivspieler zum Innenverteidiger wurde, das sieht man bis heute noch an meinem Spielstil.

Der Schweizer Abwehrchef im Interview : Manuel Akanji ist schneller als ein Taschenrechner

Manuel Akanji spielte bei der EM bisher jede Minute. Am Montag geht es für die Schweiz gegen Frankreich.Foto: IMAGO / Insidefoto

Wie würden Sie ihren Stil denn beschreiben?
Ich bringe mich ins Aufbauspiel ein, habe viele Ballkontakte und spiele gerne die eröffnenden Pässe für meine Teamkollegen. Ich bin ein spielintelligenter Fußballer, was bedeutet, dass ich weiß, welcher meiner Mitspieler welche Pässe verwerten kann. Dass ich meine Fehler analysiere und sie nicht erneut mache. Dass ich nur dann Risiko eingehe, wenn es sich lohnen könnte.

Hat Spielintelligenz etwas mit Mathematik zu tun?
Aus meiner Sicht: überhaupt nicht.

In der Saison 2018/19 hatten Sie eine Passquote von 93 Prozent. Warum unterlaufenen Ihnen kaum Fehlpässe?
Weil ich in acht von zehn Fällen Sicherheitspässe spiele. Ich bin Innenverteidiger bei Borussia Dortmund, und wir spielen oft gegen Gegner, die tief stehen und über Konter oder Standards gefährlich werden. Oft sind wir überlegen, deshalb spiele ich selten Bälle hinter die Abwehrkette oder gehe ins Eins-gegen-Eins. Die meisten meiner Pässe spiele ich ohne gegnerischen Druck, zum zweiten Innen- oder zum Außenverteidiger, zum Sechser vor mir.

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Manuel Akanji, was ergibt 40,32 mal 16,5?
Sechshundertfünfundvierzigkommaeinszwei … äh: 665,28. Stimmt das?

Das ist richtig, ja.
Mit den Kommastellen multipliziere ich eigentlich nicht oft im Kopf.

Aber warum ausgerechnet diese beiden Zahlen?
Das sind die Maße eines Sechzehners.

Wie viele Verteidiger braucht es, um die 665,28 Quadratmeter ideal zu besetzen?
Das kommt ganz darauf an, wie viele Stürmer gerade angreifen.

Sagen wir: BVB-Teamkollege Erling Haaland rennt gerade mit 36 km/h hinein.
Ach, den schaffe ich noch alleine (lacht). Nein, ernsthaft: Erling setzt seinen Körper in solchen Situationen sehr gut ein, aber auch gegen ihn braucht man, wie gegen ganz viele Offensivspieler, zwei Verteidiger. Für uns ist es nicht so einfach, weil wir gleichzeitig einen möglichen Schuss abblocken müssen, ohne uns darauf zu versteifen, weil wir ansonsten mit der ersten Finte das Duell verloren haben. Dann täuscht er an und zieht vorbei. Aber auch gegen Erling ist ein Eins-gegen-Eins zu verteidigen.

Und zwar wie?
Ich muss zuallererst bereit sein, dass Erling mit all seiner Wucht in mich hineinläuft. Ich muss den Körperkontakt suchen, dann habe ich eine Chance, weil er – wie viele Stürmer – ein bisschen Platz sucht. Das ist aber gar nicht so einfach, weil ich mich gleichzeitig auf den Ball konzentrieren muss. Deshalb versuche ich, das Tempo ein bisschen zu entschärfen, Erling darf auf keinen Fall Geschwindigkeit aufnehmen. Wenn er schon im Sprint auf mich zuläuft, dann wird’s sowieso schwer.

Wie würden Sie die Dortmunder Saison bewerten?
Natürlich können wir in Summe nicht zufrieden sein. Wir haben zu viele Punkte liegengelassen, weil wir nicht gut gespielt haben und es deshalb auch nicht verdient hatten zu gewinnen. Dazu hätten wir in gewissen Situationen cleverer spielen und besser verteidigen müssen. Trotzdem haben wir beizeiten gezeigt, dass dieser Kader für mehr gemacht ist, dass wir ganz vorne mitspielen könnten.

Und aus Ihrer ganz persönlichen Sicht?
Ich bin sehr zufrieden, muss ich gestehen. Für mich als Verteidiger haben wir in dieser Saison zu viele Gegentore bekommen, klar. Aber mein Ziel war es, dass ich der Mannschaft von hinten Sicherheit gebe, und ich glaube, das hat funktioniert. Wenn ich im Kader stand, habe ich meistens 90 Minuten gespielt – das ist ein gutes Zeichen.

Nächste Aufgabe: 90 mal 46.
4140.

Wie machen Sie das?
Ehrlich gesagt, ich weiß es auswendig, aber wenn ich es rechnen müsste, dann würde ich 40 mal 90 rechnen, das ergibt 3600. Sechs mal 90 ergibt 540. Und dann addiere ich die beiden Summen schnell. Mit Zehnerzahlen ist das Prinzip viel einfacher als bei Kommazahlen, weil ich manchmal die Nachkommastellen der ersten Summe vergesse, bevor ich das Gesamtergebnis errechne.

[Lesen Sie hier alle wichtigen Entwicklungen der EM im Tagesspiegel-Liveblog]

Bis zur EM haben Sie fast 50 Pflichtspiele bestritten. Aufgrund der Coronakrise hatten Sie eine verkürzte Sommerpause, keine Winterpause. Wie belastet ist Ihr Körper?
Es war eine lange Saison, es sind alle sehr müde. Sie dürfen die mentale Belastung nicht vergessen. Es gab es kaum Gelegenheiten für Ausgleich. Körperlich geht es mir dagegen sehr gut.

Die Schweizer Nati hat in Gruppe A innerhalb von acht Tagen in Baku, in Rom und erneut in Baku gespielt. Am Montag geht es im Achtelfinale gegen Weltmeister Frankreich – in Kopenhagen. Schätzfrage: Wie bescheuert ist das?
Ein Turnier ist nicht einfach zu organisieren, aber dieser Spielplan ergibt für mich wenig Sinn. Wir hätten zum Beispiel zum Auftakt in Rom und danach zweimal in Baku spielen können, dann hätten wir schon eine Reise gespart. Aber so fliegen wir inmitten einer Corona- und Klimakrise in acht Tagen zweimal durch halb Europa.

Der Schweizer Abwehrchef im Interview : Manuel Akanji ist schneller als ein Taschenrechner

Manuel Akanji hat Spaß beim Training mit seinen schweizer Teamkameraden.Foto: REUTERS

Manuel Akanji, was ist Parchis?
(Lacht und korrigiert die Aussprache) Ach, Sie meinen Pat-schi-si. Das ist ein Gesellschaftsspiel, ganz ähnlich wie Mensch-ärgere-dich-nicht, das wir bei uns in der Nationalmannschaft auf jeder Fahrt spielen. Es gibt davon ganz unterschiedliche Versionen, teilweise wird mit Muscheln gewürfelt. Wenn wir gerade kein Brett dabei haben, spielen wir es oft auf einem Tablet. Aber Sie wissen ja, wie das ist: Nach ein paar Minuten beschwert sich der erste, dass das Spiel zugunsten des Besitzers programmiert sei.

Letzte Rechenaufgabe: 100 durch 24?
4,16666666 … Wieso?

Zumindest theoretisch liegt die Chance für jeden der 24 EM-Teilnehmer, das Turnier zu gewinnen, bei 4,16 Prozent. Ist der Wert für die Schweiz zu hoch oder zu niedrig?
Unsere Chancen sind höher! Ich bin da optimistisch und nehme sowieso nur mit dem Hintergedanken an dem Turnier teil, dass wir gewinnen werden. Ernsthaft, es sind schon richtig viele, gute Mannschaften dabei. Aber wir haben gesehen, dass wir gegen jede Mannschaft mithalten können. Es hat bisher … ja … wegen verschiedener Dinge nicht gereicht.

Sie spielen auf die Doppelkopfadler-Affäre an. Ihre Mitspieler jubelten mit der Geste des albanischen Nationalsymbols im Spiel gegen Serbien und sorgten so für einen Skandal. Nach der WM 2018 veröffentlichten Sie ein Foto im Nigeria-Trikot, dem Land Ihres Vaters. Warum?
Ich wurde einige Male gefragt, ob ich das Trikot mit Absicht getragen habe. Und ja, eigentlich schon. Es war ein Zeichen, dass ich stolz bin, ein Doppelbürger zu sein. Dass ich stolz bin, hier aufgewachsen zu sein und für die Schweiz zu spielen. Aber ich habe einfach eine zweite Heimat, und das ist Nigeria. Ich beziehe Stellung zu politischen Themen, zuletzt bei den Vorfällen um den Tod von George Floyd. Dann heißt es manchmal, ich als Fußballer sollte keine politische Stellung beziehen, das kann ich gar nicht nachvollziehen, abgesehen von der Meinungsfreiheit setze ich meine Stimme und Reichweite gerne sinnvoll ein.

Während Ihrer Ausbildung im Treuhandbüro haben Sie gelernt, komplizierte Steuererklärungen zu machen. Wäre eine Prämie beim EM-Sieg eigentlich einkommenssteuerpflichtig?
Na klar, alle meine Einnahmen sind steuerpflichtig. Ich muss gestehen, um diese Angelegenheiten kümmert sich mittlerweile mein Steuerberater. Aber meine Frau und ich rechnen immer noch mal nach (lacht).

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