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Der Moloch der SPD : Die Berliner Schule verschlingt ihre Kinder

Die SPD trägt die Hauptverantwortung für die Lage an den Schulen. An keinem anderen Punkt wird das deutlicher als beim Lehrermangel. Ein Kommentar.

Der Moloch der SPD : Die Berliner Schule verschlingt ihre Kinder

Und wie steht’s um die dritte und die vierte Stunde? Der Lehrermangel in Berlin ist eklatant.Foto: dpa

Wortgewaltig ist er, der Mann, der mit Berlins Milliarden jongliert: SPD-Haushaltssprecher Torsten Schneider redet gern alle in Grund und Boden. Vergangene Woche trat Schneider wieder ans Mikrofon. Seine Aufgabe: den CDU-Missbilligungsantrag gegen die SPD-Bildungssenatorin abzuschmettern.

Schneider lobte die Berliner Lehrkräfteausstattung, um dann im letzten Satz die Kulisse von der guten Berliner Schule versehentlich wieder einzureißen, als er der Senatorin bescheinigte, sich „in den Moloch reinzuhängen“.

Moloch? Das Wort, das Schneider aus dem Mund purzelte, hat es in sich. Denn der Moloch ist eine „grausame Macht, die immer neue Opfer fordert und alle zu verschlingen droht“, weiß der Duden – abgeleitet von der Bibel, wo „Moloch“ das Verbrennen von Kindern als Opfergaben meinte. So ist das also: Schneider hält der kritisierten Senatorin zugute, dass sie sich immerhin der grausamen Macht entgegenwirft: „Sie hängt sich in den Moloch.“

Da hat Schneider etwas sehr Wahres gesagt. Denn die Berliner Schule verschlingt tatsächlich ihre Kinder. Und das hat ausgerechnet mit der Partei zu tun, für die der Parlamentarische Geschäftsführer im Plenum das Wort ergriffen hatte.

Denn die Sozialdemokratie hat die Schulen durch eine bundesweit einzigartige Mischung aus mangelnden Studienplätzen und verweigerter Verbeamtung um ihren Nachwuchs gebracht: 1000 Stellen werden zum Sommer frei bleiben. Zudem ist rund jede dritte Lehrkraft ohne Lehramtsstudium ins Amt gelangt.

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Was wissen diese Quereinsteiger über Lernprozesse und Verhaltensstörungen? Wie bringen sie Migranten Deutsch bei? Wer von ihnen weiß, wie man eine Legasthenie erkennt? Im nächsten Schuljahr kommt zu allen Übeln hinzu, dass noch mehr Sonderpädagogen fehlen werden.

Die SPD trägt die Hauptverantwortung für diese Lage, weil sie seit über einem Vierteljahrhundert die Bildungspolitik bestimmt. Ihre Senatoren waren zudem eingekeilt zwischen ihren Parteifreunden im Finanzressort, in der Fraktion und auf den Parteitagen.

Berlins SPD wehrte sich lange gegen die Verbeamtung der Lehrer

An keinem anderen Punkt wird das deutlicher als beim Lehrermangel: Obwohl bundesweit alle anderen Länder nach und nach zur Verbeamtung zurückkehrten, um der Abwanderung der Lehrkräfte entgegenzuwirken, beharrte die Berliner SPD auf ihrer Parteidoktrin.

Selbst als 2019 nicht einmal mehr die Quereinsteiger reichten, um die Lücken zu füllen, sagte der Parteitag „Nein“ zur Verbeamtung. Das „Ja“ ließ er sich später von seinen Bildungsfachleuten gegen die Zusage abkaufen, den angestellten Lehrern, die nicht verbeamtet werden können oder wollen, Unterricht zu erlassen – eine tarifrechtliche Unmöglichkeit.

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Wie aber ist es zu nennen, wenn man eine Partei durch unmöglich umzusetzende Anträge für dumm verkaufen muss, nur damit sie dem zurzeit einzigen Weg zustimmt, den Berliner Schülern die Lehrkräfte zu sichern, nämlich der Verbeamtung?

Angesichts dieses Desasters wird den Grünen gern vorgeworfen, dass sie das Amt ja verschmähten. Aber auch diese Ablehnung fällt auf die SPD zurück, denn sie hat die Berliner Schule derart beschädigt, dass dieses Ressort nur Loser produziert.

All das muss Torsten Schneider durch den Kopf geschossen sein, als es ihm rausrutschte, das grässliche Wort. Moloch. Falls die SPD noch immer glaubt, sie könnte den Moloch besiegen, ließe sich das bereits auf dem Parteitag am nächsten Sonntag beweisen – durch Realpolitik.

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