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Der mentale Frust nach dem Höhepunkt : „Ich fühlte mich zerstört“

Unsere Kolumnistin Maria Tietze geriet nach ihrer Paralympics-Teilnahme in ein emotionales Tief. Hier berichtet sie von ihrem post-Höhepunkt-Loch.

Der mentale Frust nach dem Höhepunkt : „Ich fühlte mich zerstört“

Aus vollem Lauf in die Pause. „Ich wurde wieder die fröhliche und hügelige Maria, die ich war “, sagt Tietze (links im Bild).Foto: Imago

Es war ein absoluter Gänsehautmoment dort unten im Olympiastadion – einer der phänomenalsten meines Lebens. Der Weg dorthin war nicht immer leicht, aber es hat sich schon für diesen kurzen Moment gelohnt. Ein paar Sekunden, die so intensiv und glücklich waren, wie wenig zuvor in meinem Leben. Egal was jetzt kommt, das wird für immer bleiben. Die Erfahrung im Dorf war super, ich genoss die friedliche Internationalität.

Und dennoch kam ich nach Hause zurück und versank in mir, in meiner Einsamkeit, weil niemand in meinem Umfeld nachvollziehen kann, was ich erlebt habe, weil es nicht, wie gewohnt, ein Mannschaftserlebnis war. Nach der anfänglichen großen Freude darüber, meine Freundin und meine Eltern wieder zu sehen, fiel ich in ein Loch. Tag für Tag ein bisschen tiefer. Zunächst unmerklich.

Bereits vor dem Abflug nach Japan für das Vorbereitungstrainingslager war ich trainingsmüde, sehnte die freie Zeit im September herbei, arbeitete mein Training nur noch ab. Dass ich also müde sein würde, war klar. Ich erlaubte mir lange im Bett zu bleiben und den Tag auf der Couch vor zu setzen, ihn auch dort zu beenden.

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Ich erlaubte mir, meine Lieblingsserie zu suchten und wartete darauf, wieder Energie zu schöpfen. Schließlich gab es so viele Dinge, die ich schon seit Juli machen wollte. Meine Homepage erneuern, einen Kemper ausbauen oder wenigstens Recherche betreiben, viel über Tokio schreiben, Radtouren und ausgedehnte Spaziergänge, Freunde treffen, endlich wieder Freunde treffen… Was war?

Nix war. Ich war motivationslos auf allen Ebenen, keinerlei Antrieb in irgendeiner Form. Und es wurde immer schlimmer. Stand ich morgens auf und sah Geschirr in der Küche, dass in Schränke wollte, fing ich an zu weinen. Dachte ich an den Wäscheberg, der sich nun neben dem Koffer auftürmte, drehte ich durch. Ich stritt mit anderen, obwohl ich das sonst selten tue. Langsam begriff ich, dass ich in das ominöse post-Höhepunkt-Loch gefallen war.

„Ich schaffte zu Hause nichts, unternahm nichts“

Leider brachte diese Erkenntnis nur die Beobachtung, dass der Boden noch nicht erreicht war. Ich wiegte vor mich hin, schaffte zu Hause nichts, unternahm nichts. Darüber wurde ich unzufrieden, dann sauer auf mich selbst. Er kannte mich nicht wieder. Wurde noch unzufriedener.

Mir fiel auf, dass ich für andere gerade keine gute Gesellschaft bin. Dachte, dass es meinem direkten Umfeld weh tun muss, mich so zu sehen und nichts dagegen machen zu können. Ich wurde wieder unzufrieden, vegetierte vor mich hin. Es war ein Teufelskreis. Irgendwann regte sich in mir die bange Frage, ob ich jetzt depressiv sei. Ich gab mir bis zum Ende der dritten Woche. Würde bis dahin keine Besserung eintreten, rufe ich unsere Teampsychologin an.

Alles nagt an mir, ich fühlte mich zerstört. Um alle Verbindungen zum Sport für einen Moment zu Karten, schaltete ich sieben Tage lang das Internet an meinem Handy aus. Ich wollte für Ruhe sorgen. In dieser Woche formulierte ich am Donnerstag: Ich bin kaputtgegangen. So wenig erkannte ich mich selbst wieder. Am selben Abend fühlte ich ein langes Gespräch mit meiner besseren Hälfte. Über die Fragen war es mir nun möglich gemacht worden, zu formulieren was los ist. Das ging die Wochen davor schlicht nicht. Danach fühlte ich mich noch immer erschöpft und leer.

Der nächste Morgen war gut und der Tag blieb es. Das ganze Wochenende war gut. Ich wurde wieder die fröhliche und hügelige Maria, die ich war und bin. Was ich da erlebt habe, war wohl die berühmte Kehrseite der Medaille.

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