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Der Krieg in der Ukraine – und in den Medien : Massenmord oder „Mord mit Aussicht“?

Weniger „Brennpunkte“ in der ARD, weniger „Spezials“ im ZDF, aber der Krieg in der Ukraine macht keine Pause.

Der Krieg in der Ukraine - und in den Medien : Massenmord oder "Mord mit Aussicht"?

Der Krieg braucht Bilder – hier dokumentieren Fotojournalisten die Zerstörungen in Kiews.Foto: REUTERS

In den vergangenen vier Wochen war es Regelprogramm. In der ARD schloss sich an die „Tagesschau“ um 20 Uhr ein „Brennpunkt“ an, im Zweiten keine „heute“-Hauptnachrichten ohne ein „ZDF spezial“. Auch die Privatsender ProSieben bis RTL starteten ihr Primetime erst, wenn die Sonderstrecken beendet waren.

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Seit dem 24. Februar, seit der Invasion von Putins Armee in der Ukraine herrscht Krieg im deutschen Fernsehen, nicht minder im Hörfunk, in den Zeitungen und auf den Plattformen von tagesschau.de bis tagesspiegel.de. Eine 24/7-Berichterstattung, Live-Ansprachen von Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Wolodymyr Selenskyj, mit drastischen Bildern, was Verwüstung und Tod für die Ukrainerinnen und Ukrainer in den belagerten Städten ihres Landes und auf der Flucht bedeuten.

Opfer von Kriegen sind alle gleich, aber einige sind gleicher als andere. Der Krieg in der Ukraine ist den Deutschen näher als es die Kriege im Irak und in Syrien waren und aktuell in Äthiopien und im Jemen sind. Die Hilfen und Hilfsangebote für die Menschen in Mariupol, Kiew und Charkiw sind überwältigend, die Sach- und Geldspenden fließen, die Versorgung der Flüchtenden lässt Behörden und Ehrenamtliche nicht ruhen.

Je näher ein Krieg tobt und je mehr die Menschen Aggressor und Opfer der Aggression zu kennen glauben, desto stärker fühlen sie sich betroffen. Informationen, tatsächliche und angebliche Nachrichten steuern Emotionen und Reaktionen, Gefühle und Ängste.

Neue Phase

Jetzt, vier Wochen nach Beginn der Invasion, ist der (Medien-)Krieg in eine neue Phase gekommen. Die Informationswege sind wenige und enger geworden, Selenskjy schaltet die Sender der Ukraine gleich, in Russland steht die Wahrheit über den Krieg unter Strafandrohung, Kriegs- und Krisenberichterstatter haben Mariupol verlassen. Das macht die Einschätzung der Kriegslage immer schwieriger. Die große Öffentlichkeit will aber Eindeutigkeit. Die ist schwer zu bekommen, Krieg und Kriegslage werden als Konsequenz eine Frage der Hermeneutik, eine Deutungswissenschaft. Und morgen, wenn die Fakten neu sind, muss sich auch die Deutungslage wieder ändern. Auch das gerne geübte Festklammern an Symbolen wie EU-Beitritt der Ukraine, 100 Milliarden für die Bundeswehr, Flugverbotszone über der Ukraine ist eben nur symbolisch.

Unanständige Gedanken

Die Medienlage, die Fernsehlage agiert und agitiert stets mit. Es sind wahrscheinlich unverhältnismäßige bis unanständige Gedanken, aber das Erleben, dass nach der „Tagesschau“ gleich der Schmunzelkrimi „Mord mit Aussicht“ ausgestrahlt wird, hat etwas Beruhigendes. Kein „Brennpunkt“ kann bedeuten: keine oder nicht so gravierende Neuigkeiten vom Schlachtfeld Ukraine. Der schreckliche Krieg wird in gleicher Weise in den News-Flow wie in den Gefühlshaushalt eingepreist. Krieg heißt aktuell mehr denn je, mit Krieg umgehen zu können.

Eine, vielleicht die entscheidende Frage nicht nur für die Medienprofis ist: Wie viel Krieg muss, wie viel Krieg darf es auf den Bildschirmen, den Mobiles, in den Zeitungen sein? Die Intensität der Berichterstattung wird der Intensität des Krieges niemals gleichkommen. Umgekehrt es eine Illusion ist, dass ein Fernsehabend ohne „Brennpunkt“ oder „ZDF spezial“ ein Tag ohne Krieg in der Ukraine ist.

Ein langer Zermürbungskrieg drohe, sagen die Militärexperten.

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