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Denn sie wissen, was sie tun : „Bild“ prangert „Lockdown-Macher“ an – und Olaf Scholz bleibt stumm

Die jüngste „Bild“-Attacke gegen Wissenschaftler ist infam und anti-akademisch. Scholz hätte bei seinem Springer-Auftritt reagieren müssen. Ein Kommentar.

Denn sie wissen, was sie tun : „Bild“ prangert „Lockdown-Macher“ an – und Olaf Scholz bleibt stumm

Dirk Brockmann, Viola Priesemann und Michael Mayer-Hermann am „Bild“-PrangerScreenshot: Bild.de

Sie sind also „Die Lockdown-Macher“: Viola Priesemann, Dirk Brockmann und Michael Meyer-Hermann. Ernannt hat sie niemand, es war die „Bild“, die ihnen diesen Titel verliehen hat. Mit folgender Urkunde: „Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest“.

Eine solche Unterstellung bleibt nicht ohne Widerrede. Die Politökonomin Maja Göpel schreibt bei Twitter: „Das ist nicht nur gelogen, sondern Verleumdung & eine Gefahr für die Freiheit von Wissenschaftler*innen, nach bestem Wissen zu beraten.“ Göpel fordert Politik und Presserat zur Klarstellung auf.

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Auch Christian Drosten, führender Charité-Virologe, hielt nicht hinter dem Berg, er halte es ebenfalls für geboten, „dass die Politik sich zu dieser Darstellung richtigstellend positioniert, um die betroffenen Wissenschaftler zu schützen“.

Allerdings lässt der Samstagabend zweifeln, ob das passieren wird. Olaf Scholz, der zukünftige Bundeskanzler, hat der „Zeit“ gesagt: „Für meine Regierung gibt es keine roten Linien mehr.“ Gemeint sind die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung.

Wenn der Sozialdemokrat das ernst meint, muss er sich an die Seite jener Wissenschaft stellen, deren Profession es ist, Covid-19 dergestalt zu entschlüsseln, dass jede Regierung weiß, was sie zu tun hat.

Scholz braucht Wissenschaftler wie Priesemann, Brockmann und Meyer-Hermann – oder braucht er die „Bild“ mehr? Es will ja scheinen, als würde der designierte Bundeskanzler das Mantra seines Vor-Vor-Gängers Gerhard Schröder aufnehmen, der mit „Bild, BamS und Glotze“ regieren wollte. Angela Merkel wollte das nicht und regierte 16 Jahre lang.

Olaf Scholz macht sich lieb Kind

Olaf Scholz hat bislang keine Gelegenheit ausgelassen, um sich beim „Bild“-Eigner Springer lieb Kind zu machen. Kanzlerduell, Koalitionsvertrag, stets saß Scholz bei Bild-TV. Und am Samstag bei der TV-Bild-Gala „Ein Herz für Kinder“.

Da wird es schwer für Scholz, sich für die Wissenschaftler zu positionieren und gegen das „Bild“.-Imperium. Wirklich schwer bis unmöglich? Scholz will eine Koalition des „Fortschritts“ führen, das wird ohne „Bild“ funktionieren, keinesfalls aber ohne Wissenschaft.

„Bild“: da braucht es eine Koalition der Rationalen, der Vernünftigen, all jener, die wissen und akzeptieren, dass das Virus sich um gar nichts schert. Covid-19 ist keine Verfassungsfrage, keine Diktatur, es ist eine Pandemie, die auch vor den Türen der Leugner und Lügner nicht halt macht.

Der Reichelt-Geist ist nicht weg

Das wissen auch die „Bild“-Macher. Sie sind allerdings von den Kräfte beherrscht, die Deutschlands größtes Boulevard-Blatt immer angetrieben haben: anti-akademisch bis zur Wissenslosigkeit, populär-populistisch bis in die Infamie hinein.

Und wer gedacht hatte, dass mit dem Abgang des sexistisch hochbegabten Julian Reichelt die von Springer-Chef Mathias Döpfner verkündete „neue Kultur“ Einzug halten werde, der darf sich aufs Schlimmste getäuscht sehen.

Reichelt meldete sich nach Wochen des Schweigens wieder auf Twitter: „Ich weiß, wie viele Politiker es herbeigesehnt und befeuert haben, dass man mir die Möglichkeit nimmt, BILD als klarste und unüberhörbare Stimme des freiheitlichen Denkens zu verteidigen. Aber das wird mich nicht davon abhalten, klar zu benennen, was in unserem Land passiert.“ I’ll be back. Aber das ist eigentlich gar nicht nötig, der Reichelt-Geist ist aus der „Bild“-Redaktion gar nie verschwunden.

Nähe zu „Bild“, Distanz zu „Bild“

Um den Kreis zu schließen: Ob Blatt, online oder Bild-TV, „Bild“ hat nur die Macht, die ihm zugestanden wird. Also müssen sich ein Bundeskanzler Olaf Scholz und seine Koalitionäre genau überlegen, in welcher Nähe, mit welcher Distanz sie mit diesem zum Niedermachen bereiten Medium umgehen.

Auch Annalena Baerbock und Robert Habeck saßen an den Spendentelefonen bei „Ein Herz für Kinder“. Über 27 Millionen Euro kamen zusammen, 4,25 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer schalteten ein. Übertragen hat das ZDF, ein öffentlich-rechtlicher Sender, den die „Bild“ wie auch die ARD abschalten möchte. Aber wenn ein Olaf Scholz mitmacht, soll da das ZDF nicht mitmachen?

Nein, müssen beide nicht!

Erinnert sei an Joseph Pulitzer: „Eine zynische, käufliche, demagogische Presse wird mit der Zeit ein Volk erzeugen, das genauso niederträchtig ist, wie sie selbst“, hat der Verleger und Preisstifter gesagt. Wer kann daran vorbeilesen, wenn er erfährt, dass ein Mob vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin (SPD) aufmarschiert ist. „Bild“ hat den selbsternannten „Trauermarsch“ intoniert.

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