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Das Signal zum Aufbruch verkümmert : Die Zweifel bei der Nationalmannschaft sind immer noch da

Der dürre 2:0-Sieg der Fußball-Nationalmannschaft gegen Liechtenstein war nicht der Start, den sich der neue Bundestrainer Hansi Flick vorgestellt hatte.

Das Signal zum Aufbruch verkümmert : Die Zweifel bei der Nationalmannschaft sind immer noch da

Verhaltene Sieger. Die deutschen Nationalspieler wussten selbst, dass sie mit dem 2:0 gegen Liechtenstein nur bedingt zufrieden…Foto: dpa

Martin Stocklasa müsste in diesem Moment einer der stolzesten Menschen auf dem Planeten gewesen sein. Der Nationaltrainer von Liechtenstein, der Nummer 188 der Welt, hatte den viermaligen Fußball-Weltmeister Deutschland mit seiner Mannschaft gerade mächtig blamiert. 0:2 hatten die Liechtensteiner das WM-Qualifikationsspiel verloren. Nur 0:2.

Es war eine Niederlage, die sich anfühlte wie ein Kantersieg. Stocklasa blickte trotzdem ziemlich grimmig drein, als er mit seinem Spieler Yanik Frick ein paar Minuten nach dem Abpfiff über den Rasen schritt.

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Frick hatte einen Plastikbecher mit Bier in der Hand, der ihm von den Rängen gereicht worden war. Freizeitkicker kennen das. Kaum ist das Spiel beendet, beginnt die sogenannte dritte Halbzeit. Aber Stocklasa gefiel dieses Bild überhaupt nicht. Er schaute Frick strafend an, woraufhin der den Inhalt des Bierbechers auf den Rasen kippte.

Hansi Flick, Stocklasas Kollege, hätte viel mehr Gründe gehabt, grimmig dreinzublicken. Stattdessen entschied er sich nach seinem Debüt als Bundestrainer dazu, den Verständigen zu geben. „Man hat gesehen, dass die Mannschaft bereit ist“, sagte er. „Aber es war ein Anfang, mit dem wir nicht ganz zufrieden sind.“ Nicht ganz zufrieden, das klang sehr gnädig.

Bleierne Jahre liegen hinter dem deutschen Fußball

Hinter dem deutschen Fußball und ihrem Premiumprodukt Nationalmannschaft liegen ein paar bleierne Jahre – mit dem Vorrundenaus bei der WM 2018, dem frühen Scheitern auch bei der EM 2021 und dem ewigen Joachim Löw an der Seitenlinie, an dem sich das Publikum nach anderthalb Jahrzehnten endgültig satt gesehen hatte.

Flick war zwar selbst lange Zeit Teil des Systems Löw, aber er war auch lange genug raus, um glaubhaft den Willen zum Neuanfang zu verkörpern. Die Stimmung vor seinem Debüt war blendend, die Erwartung hoffnungsfroh. Vom Spiel gegen den Fußballzwerg Liechtenstein sollte ein Signal des Aufbruchs aufgehen. Stattdessen war nur ein schiefer dürrer Ton zu hören, wie ihn ein Musikschüler in der ersten Unterrichtsstunde seiner Trompete entlockt.

„Wir hätten gern mehr Tore erzielt. Das hätte uns Auftrieb gegeben“, sagte Flick. Es wurden – trotz 30 Versuchen, trotz 85 Prozent Ballbesitz und trotz der Dauerbelagerung des liechtensteinischen Strafraums – nur zwei: eins durch Timo Werner vor der Pause, ein weiteres durch Leroy Sané in der zweiten Hälfte.

„Es war ein komisches Spiel“, sagte Kimmich

„Es war echt ein komisches Spiel“, sagte Joshua Kimmich, der den angeschlagenen Manuel Neuer als Kapitän vertrat. Kimmich, 26, hat schon einiges mitgemacht, aber ein Spiel wie dieses in St. Gallen, bei dem der Gegner so ultradefensiv aufgetreten ist, war bisher nicht darunter. Man habe vieles probiert, sagte Kimmich, „aber unterm Strich hat nichts so richtig funktioniert. Die ganz dicken Dinger sind ausgeblieben.“ Dieses Spiel sei daher schwierig zu bewerten, „weil es nicht wirklich ein Fußballspiel war“.

So einfach ist es natürlich nicht. Auch dieses Spiel wird bewertet. Es wird vor allem vor dem Hintergrund der freudigen Erwartungen bewertet, die sich fürs Erste nicht erfüllt haben. Dafür gibt es Gründe: Die Mannschaft hat nur dreimal miteinander trainieren können. Und auch der größere Plan, den Flick verfolgt, ließ sich vorerst noch nicht realisieren.

„Wir haben einen langen Weg vor uns. Wir gehen den Weg, und ich denke, wir kommen da hin, wo wir hin wollen“, sagte der neue Bundestrainer. Anders als unter Löw soll die Mannschaft bei ihm schneller nach vorne spielen und auch aktiver nach vorne verteidigen. Sie soll den Ball nach Ballverlusten sofort zurückerobern und den Gegner dadurch in einem Moment der Unordnung überrumpeln.

Das Vertrauen vor dem Tor fehlt dem Team

Das scheiterte gegen die Liechtensteiner zum einen daran, dass die Liechtensteiner den Ball so gut wie nie hatten und die Deutschen ihn deshalb auch nicht zurückerobern konnten; zum anderen daran, dass die Liechtensteiner generell nicht nach vorne spielten (sieht man mal von einigen wenigen Befreiungsschlägen ab).

Hinzu kommt, dass die bedrückenden Erfahrungen aus der Endzeit der Ära Löw bei den Spielern offenbar noch nachwirken. „Man merkt, dass die Mannschaft nicht so das Vertrauen hat, dass sie Tore erzielen kann“, sagte Bundestrainer Flick. Dieser Mangel ist nicht neu, war auch schon zu Beginn der WM-Qualifikation gegen Nordmazedonien zu beobachten und auch bei der Europameisterschaft im Sommer.

„Klar war jetzt nicht alles super, was wir gespielt haben“, sagte der Dortmunder Marco Reus, der in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde und nach knapp zweijähriger Pause sein Comeback in der Nationalmannschaft feierte. „Das Wichtigste nehmen wir mit. Das sind die drei Punkte.“ Sie haben immerhin dazu geführt, dass die Deutschen in der Tabelle ihrer Qualifikationsgruppe Nordmazedonien hinter sich gelassen haben und einen Satz von Platz drei auf zwei gemacht haben. Es geht aufwärts.

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