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Claudia Roth und die Kultur : Werte und Antriebe

Vom Theater über Ton Steine Scheiben zur Spitzenpolitikerin: Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth will die kulturelle Vielfalt fördern. Ein Porträt.

Claudia Roth und die Kultur : Werte und Antriebe

Gern auch mal in Rot: Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den GrünenFoto: AFP

Man hat sich am Freitag nach der spätabendlichen Ernennung von Claudia Roth zur Staatsministerin für Kultur und Medien der Ampel-Koalition gefragt, was die Grünen-Politikerin eigentlich für diese Aufgabe prädestiniert.

Roth ist zwar eine sehr bekannte, mitunter beliebte Politikerin und seit 2013 allseits respektierte Bundestagsvizepräsidentin.

Doch mit zur Schau gestellten kulturellen Vorlieben, gar einer ausgeprägten Affinität zu einer bestimmten Kunstform hat sie sich bislang zurückgehalten, sieht man von Besuchen üblicher kultureller Großevents ab.

Dabei kommt die 1955 in Ulm geborene und in einem bayrischen Dorf groß gewordene Roth direkt aus dem nicht zuletzt alternativ bewegten Kulturmilieu der siebziger und achtziger Jahre. 

Ein Studium der Theaterwissenwissenschaften, Geschichte und Germanistik brach sie zwar nach einem Jahr ab, doch ging sie Mitte der siebziger Jahre ans Theater und wurde Dramaturgin, an den Städtischen Bühnen Dortmund und einem Theater in Unna. Zudem arbeitete sie in einem Vermittlungsbüro für Freie Gruppen und Amateurtheater.

Managerin von Ton Steine Scherben

In Dortmund hatte sie am Theater den Bruder von Rio Reiser kennengelernt, Peter Möbius, auch Rio Reiser kannte sie schon von ihrer Zeit in Unna. Durch diese Verbindungen wurde sie Anfang der achtziger Jahre Managerin von Ton Steine Scherben und lebte mit der Band in deren sagenumwobenen Bauernhaus in Fresenhagen.

Davon hat Roth einigermaßen ausführlich in ihrer 2006 veröffentlichten Autobiografie „Das Politische ist privat. Erinnerungen für die Zukunft“ erzählt.

Nur neigte sich die Ära von Ton Steine Scherben zu der Zeit, da Roth zu der Band stieß, schon sehr ihrem Ende zu. Ein müdes Album gab es da noch, und viele Schulden hatten sich angehäuft, bevor sich Rio Reiser in seinem Hit zum „König von Deutschland“ ernannte.

Derweil bewarb Roth sich auf eine Stellenanzeige in der „taz“ hin als Pressesprecherin der grünen Bundestagsfraktion, bekam diesen Job und bewegte sich von der Kultur hin zum politischen Betrieb, mit einer Karriere bei den Grünen bis zur Parteivorsitzenden und eben Bundestagsvizepräsidentin.

„Kultur ist essentiell für unsere Demokratie“

Aufgefallen ist sie überdies unter anderem als Menschenrechtsaktivistin, im speziellen für ihr Engagement für die Rechte von Frauen und Homosexuellen.

Nun ist sie also zur Überraschung vieler Kulturstaatsministerin geworden, der dieser Tage wohlmeinende Ratschläge mit ins Amt gegeben werden – und denen sie mit ein paar schönen Worten zum Sonntag schon einmal begegnet ist: „Kultur ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, kein Sahnehäubchen für gute Zeiten, kein Luxusgut, sondern essentiell für unser Menschsein und Grundnahrungsmittel unserer Demokratie.“ Nun denn, ihre Worte gerade in den Ohren der durch die Pandemie geplagten Künstler:innen und Institutionen.

Vorstellbar jedenfalls ist, dass sie aufgrund ihrer Vita auf die Kultur von unten, an der Basis, im Off genauso viel Augenmerk legt wie auf die sogenannten Leuchttürme, so wie es das Klaus Lederer in Berlin macht. In einem ersten Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ hat sie das in der Richtung angedeutet: „Von Elbphilharmonie bis Club, von Plattdeutsch bis Plattenladen, mir liegt unsere Kulturlandschaft in all ihrer Vielfalt am Herzen.“

Dass sie gegen die „Sachzwanglogiken“ ihre eigenen „Werte und Antriebe“ in Stellung bringen wolle, schrieb sie seinerzeit in ihrem Buch. Mal sehen, wie sie das jetzt als Deutschlands oberste Kulturpolitikerin in die Tat umsetzt.

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