The latest news, top headlines

Bittere Worte einer ukrainischen Schriftstellerin : Irgendwie ist alles teurer als ukrainische Leben

Zu viele Opfer: Der Preis, den die Ukrainer für ihren Heroismus zahlen, ist zu hoch. Ein Gastbeitrag.

Bittere Worte einer ukrainischen Schriftstellerin : Irgendwie ist alles teurer als ukrainische Leben

Spur der Zerstörung. Blick auf das Stahlwerk von Mariupol.Foto: IMAGO/Cover-Images

Kateryna Mishchenko wurde 1984 im ukrainischen Poltawa geboren. Sie ist Verlegerin, Übersetzerin und Schriftstellerin. Derzeit ist Mishchenko Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin.

Kulturnachrichten aus der Ukraine, gelesen in einer Minute: Tod eines begabten Studenten der Charkiwer Schule für Architektur, Sacharij Jusupow. Tod eines Musikers aus Zhytomyr, Slawa Tschudowskyj. Verschwinden des Künstlers Bohdan Sisa, nachdem er das Verwaltungsgebäude in Krimer Jewpatoria mit blauer und gelber Farbe begossen hat.

Danach führe ich ein Telefonat mit meinem Vater: „Erinnerst du dich an den Sohn meines Mitarbeiters, der vor einem Monat in Awdijiwka war?“, fragt er. „Ja.“ – „Der Mann ist tot. Sein Körper ist noch irgendwo dort und wird bald nach Poltawa transportiert.“

[Alle aktuellen Nachrichten bekommen Sie mit der Tagesspiegel-App live auf ihr Handy. Hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen.]
Später sagt mir mein Vater, dass der Körper nicht gefunden wurde, wahrscheinlich ist der Mann doch in Gefangenschaft geraten. Das ist eine kleine Hoffnung für seine Familie. Für diese Nachrichten und Gespräche gibt es eine Kulisse – das sind meine Arbeit und mein Leben in Berlin. Manchmal ist es schwer zu sagen, welche der zwei Welten, zwischen denen ich täglich pendele, die wahre, die wirkliche ist. Aus der Zwischenposition gibt es jedoch auch einiges zu berichten.

Vor Kurzem musste ich hier in Berlin zwei öffentliche Diskussionen über die mediale und künstlerische Vermittlung von Kriegserfahrungen organisieren. Dabei ist mir die Unruhe aufgefallen, die die aus der Ukraine eingeladenen Referentinnen implizit äußerten. Eine Frau arbeitet als Medienredakteurin aus Kiew. Sie fragte mich vor dem Auftritt, ob die Moderatorin, eine deutsche Slawistin, nicht doch zu viel Mitgefühl für die russischen Belange hätte.

Es war so viel Fragilität in ihrer vorsichtigen Frage, dazu kam noch ihre Müdigkeit. Sie war erschöpft nach der langen Fahrt aus der ukrainischen Hauptstadt und entkräftet von Kriegsgeschichten, die sich täglich gnadenlos anhäufen. Das Letzte, womit sie es jetzt zu tun bekommen wollte, war Verständnis für russische Künstlerinnen und Künstler.

Keine Pflicht, sich mit der russischen Perspektive auseinanderzusetzen

Ein paar Tage danach fragte mich eine andere Geladene, wer noch alles an diesem Panel teilnehme. Es wäre problematisch, wenn auch Russen auf dem Panel mitreden würden. Mein Gott, dachte ich, warum sind diese Frauen so misstrauisch? Warum glauben sie von mir als Organisatorin, dass ich Russen einladen würde? Dann ist mir eine andere Art der Müdigkeit klar geworden – jene, die sich wegen der Ignoranz und des viel besprochenen Russlandverstehertums eingestellt hat. Wenn Ukrainer zu Wort kommen, müssen Russen mitsprechen, so die gängige Vorstellung. Als wären wir ohne russische Übersetzung für deutsche Ohren irgendwie missverständlich.

Mehr zum Ukraine-Krieg auf Tagesspiegel Plus:

  • Die Deutschen und der Krieg: „Ist Olaf Scholz bereit, notfalls das Leben deutscher Soldaten einzusetzen?“
  • Interview mit Putins Vordenker: „Die Ukraine könnte gut unter Staaten aufgeteilt werden“
  • Kriegsforscher O’Brien im Interview: „Natürlich kann die Ukraine diesen Krieg gewinnen“

Dass die Ukrainer nicht automatisch verpflichtet sind, sich mit der russischen Perspektive auseinanderzusetzen, dürfte nun langsam klar sein. Dafür musste ein brutaler Krieg ausbrechen. Unsere Sehnsucht nach einem sicheren Raum wird nun von unseren ausländischen Kollegen eingesehen. Aber das grundsätzliche Recht auf Sicherheit, weit außerhalb des kulturellen Diskurses, bleibt irgendwie utopisch. Und das ist eine konstruierte Utopie.

Während ihrer Reise nach Berlin dachte die Kiewer Redakteurin sehr viel darüber nach, was sie und mit welchem Fokus sie berichten sollte, damit die Menschen im Stahlwerk in Mariupol gerettet werden könnten. Später, beim Lesen der Nachrichten über den Transport von Verwundeten aus dem Stahlwerk in die von Russland besetzten Städte, fragte ich mich: Ist wirklich alles Mögliche getan worden? Natürlich nicht.

Genug Varianten für Grabsteinsprüche

Vor allem, wenn man den Verzicht auf eine Flugverbotszone über der Ukraine nicht für natürlich hält. Viele Piloten, die nach Mariupol flogen, um Hilfe zu liefern, sind gestorben. Warum?, frage ich mich. Und weiß es: Ukrainische Leben sind weniger kostbar. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine ethische Wahl.

Überall höre ich von dem Preis, den die Ukrainer für ihren Heroismus zahlen: für europäische Zugehörigkeit, für westliche Sicherheit, für europäische Werte, für eine liberale Demokratie, für eigene Freiheit und Zukunft. Genug passende Varianten für Grabsteinsprüche (wenn man Glück hat und nicht in einem Massengrab landet). Selbst Putin sichert mit ukrainischen Opfern seine Herrschaft im Land.

Unsere Leben sind preiswert. In Europa sind wir nach wie vor billige Arbeitskräfte, auch während des Kriegs. Waffen dürfen wir monatelang erflehen, die notwendigen Papiere liegen wochenlang in den Kanzleien. Aber bloß keine Flugverbotszone! Die Lieferung schwerer Waffen verletzt die pazifistischen Gefühle deutscher Intellektueller – einfach nur Sanktionen sind preiswerter.

Irgendwie ist alles teurer als ukrainische Leben. Irgendwie darf die Ukraine nicht gewinnen, auch wenn es nicht laut ausgesprochen wird. Diese politökonomische Logik sollte umgehend infrage gestellt werden! Aber nicht mittels weiterer Opfer, sondern mittels einer kritischen Position der Menschlichkeit.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.