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Beuys-Fotograf Lothar Wolleh war ein Berliner : Der Schatzsucher

Lothar Wolleh begleitete Joseph Beuys über viele Jahre. Seine Aufnahmen, die zum 100. Geburtstag des Künstlers überall gezeigt werden, sind bekannt, der Fotograf ist es kaum. Das soll anders werden.

Beuys-Fotograf Lothar Wolleh war ein Berliner : Der Schatzsucher

Perfekt inszeniert. Ein Joseph-Beuys-Porträt von Lothar Wolleh, fotografiert 1971 beim Aufbau der Beuys-Ausstellung im Moderna…Foto: Lothar Wolleh Estate, VG-Bild-Kunst, Bonn 2021

„Ich bin noch nicht fertig.“ Lothar Wolleh antwortete das Ende der 1970er Jahre auf die wiederholte Nachfrage eines Kunstkritikers, ob er seine Sammlung von weit über 100 Künstlerporträts nicht endlich ausstellen wolle. Ein Museum für die Ewigkeit hatte der Fotograf dafür im Sinn, in den Fels gehauen an der schwedischen Küste, das selbst den Atomkrieg überstehen können sollte. Eine Utopie – die mögliche Katastrophe wird allerdings gleich mitgedacht.

Katastrophen hatte Lothar Wolleh da bereits einige hinter sich: 1930 in Berlin geboren, die Mutter alleinerziehend, erlebte er den Zweiten Weltkrieg hautnah mit. Die Wohnung der Familie wurde bei einem Luftangriff zerstört.

Die Russen verdächtigten ihn der Spionage

1950 verhafteten ihn die Russen wegen angeblicher Spionage. Verurteilt wurde er zu 15 Jahren Zwangsarbeit im sibirischen Workuta in einem Kohleschacht unter Tage. Nach sechs Jahren begnadigt, ging er zurück nach Berlin. Und schrieb sich am Lette-Verein ein für Fotografie. Erste heimliche Fotoexperimente gab es wohl schon im Lager. Später studierte Wolleh an der Essener Folkwangschule bei Otto Steinert.

Schweden wählte er als Ort für sein Museum nicht zufällig. Auf Gotland verbrachte Wolleh mehrere Monate im Rahmen eines Erholungsprogramms für kriegsgeschädigte Jugendliche. In Schweden schoss Lothar Wolleh auch seine bis heute bekannteste Fotoserie: Joseph Beuys beim Aufbau seiner ersten großen Auslandsausstellung vor genau 50 Jahren im Moderna Museet in Stockholm.

Jetzt im Beuys-Jahr sind diese Bilder vielerorts – etwa in der Staatsgalerie Stuttgart, der St. Matthäus-Kirche in Berlin oder im Museum of Contemporary Art in Antwerpen – zu sehen. Oliver Wolleh, der Sohn des Künstlers, zeigt Ausschnitte daraus im Lothar-Wolleh-Raum in der Linienstraße, den die Familie eingerichtet hat, um das Werk zu erschließen. Er kann auf Anfrage besucht werden.

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Eines der Fotos fängt den ganzen Beuys ein. „Da steht er in einem perfekten Kreuz in seinen Objekten“, sagt Oliver Wolleh. Beuys steht zwischen den hohen Wandstücken aus Filz und Gummi seiner Arbeit „Plastischer Fuß Elastischer Fuß“ und den Holzschlitten des Werks „The Pack (Das Rudel)“. Mit Fischerweste, Pelzmantel und Hut bekleidet, schaut er direkt in die Kamera.

Mithilfe von Spiegelungen und Reflektionen zielt Lothar Wolleh auf den spirituellen Kern in dessen Werk, schafft der Fotograf einen visuellen Moment von Transzendenz. „Er war ein hellsichtiger Mensch“, sagte Beuys „Lothar besaß die unheimliche Fähigkeit, Dingzusammenhänge wahrzunehmen. Er war, mit großer Intuition ausgestattet, eine Art Schatzsucher.“ Der Künstler war bei den Wollehs oft zu Gast, nachzulesen in den Erinnerungen der Tochter Anouchka.

Klarer Bildaufbau, die Person mittig

Am Beuys-Porträt lässt sich die Handschrift Wollehs ablesen: die quadratische Form, der klare Bildaufbau, die Person häufig mittig, in der Totalen platziert. Dazu der sichtbare schwarze Negativrand, der beweist, hier wurde nichts zurechtgeschnitten.

Am wichtigsten: das Licht. „Du sitzt in der größten Dunkelheit, du bist gottverlassen, und irgendwann trittst du dann doch wieder ins Licht“, so beschreibt der Sohn die Grunderzählung in den Bildern. „Es geht immer um den Transformationsprozess.“

Beuys-Fotograf Lothar Wolleh war ein Berliner : Der Schatzsucher

Selbstporträt des Fotografen Lothar Wolleh von 1969.Foto: Lothar Wolleh Estate, VG-Bild-Kunst, Bonn 2021

Rastlos sei Wolleh gewesen, besessen von seinem Tun. Die Hände ständig in Bewegung. „Er wollte alles gleichzeitig, alles nachholen“, erzählt der heute 83-jährige Fotograf Nic Tenwiggenhorn, der mit ihm zusammen in Essen studierte. Außenseiter sei er gewesen, eine elegante Erscheinung, deutlich älter als die anderen. „Wir konnten mit den Kids nichts anfangen.“ Sie freundeten sich an, teilten sich eine Rollei-Kamera.

Als Wolleh nach dem Studium nach Düsseldorf ging und lukrative Werbeaufträge bekam, holte er Tenwiggenhorn dazu. „Lothar kaufte sich gleich ein dolles Auto, einen Citroën DS in Rot, noch bevor er einen Führerschein hatte. Das war typisch Wolleh.“ Ein Handwerker sei Wolleh als Fotograf nicht gewesen. „Er hat sich tief in seinen Genen für Künstler interessiert.“

Er stürzte sich in die Düsseldorfer Szene

Dann ließ er die Auftragsarbeiten sein und stürzte sich in die Düsseldorfer Kunstszene. In einem jetzt erscheinenden Band über das „Unterwasserbuch“-Projekt mit Joseph Beuys – eine Auswahl der Stockholm-Fotos auf PVC gedruckt, in 200er-Auflage geplant, jedoch nie erschienen – zitiert der Autor Antoon Melissen einen Studienfreund Wollehs zu einem gemeinsamen Besuch bei Otto Dix.

Der beschreibt, mit welcher Leidenschaft dieser dort über Kunst gesprochen hatte. „Aber erst als wir wieder draußen waren, sagte er: ,Ich hätte ein Foto von Dix machen können!’“

[Lothar-Wolleh-Raum, Linienstr. 83 a, Mitte, Mo–Sa 15–18 Uhr. www.lothar-wolleh.com/de/raum/]

Günther Uecker, bald ein enger Freund Wollehs, gehörte zu jenen, die er mit seiner Hasselblad porträtierte, das jeweils Spezifische ihrer Kunst herausarbeitend. Daneben weitere Zero-Künstler wie Heinz Mack, Otto Piene, auch Gerhard Richter, Blinky Palermo, Georg Baselitz, Lucio Fontana, René Magritte, Man Ray.

Neben dem „Unterwasserbuch“ entstanden weitere Kooperationsarbeiten wie das „Nagel-Buch“ mit Uecker oder „Art Scene Düsseldorf“, ein Schuber mit Porträtfotos und neun Künstlereditionen. Wolleh zog seine Arbeiten auch auf Leinwände, die er den Künstlern zur Weiterbearbeitung überließ.

Der Kunstmarkt unterschlägt die Autorenschaft

Der Kunstmarkt nutzt diese geteilten Autorschaften gnadenlos aus. Wolleh wird da als Urheber oft unterschlagen. Die Londoner Tate erwähnt ihn als Fotografen des Stockholmer Beuys-Porträts in ihrer Sammlung mit keinem Wort.

Sein letztes Bild machte er 1979 in London vom Bildhauer Henry Moore. „Er war gerade im Krankenhaus gewesen, hatte aber Angst, dass der 82-jährige Moore bald sterben könnte“, sagt sein Sohn. „Das war zu viel, er wäre besser nach Südspanien gegangen, in ein trockenes, mildes Klima. Doch das war undenkbar bei dieser Rastlosigkeit.“ Lothar Wolleh verstarb noch in London mit 49 Jahren. Er ist auf Gotland begraben.

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