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„Auslöschung. Ein Zerfall“ am Deutschen Theater : Im Horrorkabinett

Karin Henkels „Auslöschung. Ein Zerfall“ nach Thomas Bernhard ist echter Weltekel gepaart mit einem guten Schuss Theater-Komödie.

„Auslöschung. Ein Zerfall“ am Deutschen Theater : Im Horrorkabinett

Alptraum-Patriarch in Nazi-Uniform.: Manfred Zapatka (li.) und Bernd Moss.Foto: Thomas Aurin

Franz Josef Murau steht ein hochgradig belastender Trip bevor. Der Kulturbürger, der aus der oberösterreichischen Provinz nach Rom geflüchtet war, muss zurück nach Wolfsegg, an seinen Geburtsort, wo die verbiesterten „dummen Landpomeranzen“-Schwestern auf ihn warten. Murau hat ein Telegramm von ihnen empfangen: Die Eltern und der Bruder sind tödlich verunglückt. Das Begräbnis muss organisiert werden. So beginnt Thomas Bernhards Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“, sein letztes, 1986 erschienenes Prosawerk.

Die Größe der Qual, die diese Reise für Murau bedeutet, wird schon daran ersichtlich, wie ewig er sich darauf vorbereiten muss: Die erste Hälfte des bitterbösen, zutiefst deprimierten und gleichzeitig hochnotkomischen inneren Monologs, aus dem „Auslöschung“ besteht, verstreicht, bevor Murau überhaupt in Wolfsegg aufschlägt.

Eine Art Familienaufstellung ersteht vor seinem innerem Auge: Er erinnert sich an die Schwestern als Kinder in den von ihm abgrundtief gehassten Dirndlkleidern, lässt voller Verachtung Revue passieren, wie sie ihn beim Lesen im Garten störten und beschwört sehr umfassend die Kleingeistigkeit der finanziell potenten ländlichen Familie herauf, die jede Form mentalen Abweichlertums als tödlichen Angriff betrachtet und mit krankhaft beleidigter Exklusion aus dem heimischen Verbund bestraft.

In Karin Henkels Thomas-Bernhard-Inszenierung, die nach mehrmaliger pandemiebedingter Verschiebung nun kurz vor Saisonschluss endlich Premiere hatte, steht Bernd Moss als Murau schon in der zweiten Szene an der Bühnenrampe, hinter sich den eisernen Vorhang mit einer kleinen Tür nach Wolfsegg. Er braucht ein paar Anläufe, bis er es schafft, die Klinke herunterzudrücken. (wieder am 26. Juni und 3. Juli)

Zum Amüsement des Publikums zuckt er wiederholt mit der Hand zurück und spielt dabei erhabenen Welt- und Menschheitsekel, gepaart mit einem guten Schuss Theater-Komödie. Die nachgerade idiosynkratische Pein – und auch die abgründige Tiefe des von dieser Heimkehr getriggerten Hasses – entfalten sich eher nicht in der zweieinhalbstündigen Bühnenfassung, zu der Henkel und die Dramaturgin Rita Thiele den Bernhard’schen Bewusstseinsstrom geformt haben.

Ist die Tür nach Wolfsegg schließlich offen, breitet sich ein veritables und vom Bühnenbildner Thilo Reuther höchst kunstvoll gestaltetes Horrorkabinett aus. Das aktuelle Wolfsegg der Begräbnisvorbereitungen vermischt sich mit dem Wolfsegg alptraumhafter Kindheitserinnerungen zu einem düster-psychedelischen Wald aus „katholisch-nationalsozialistischem Geist“ mit krankem Baumbestand.

Es ist gewissermaßen ein theatralisiertes Mahnmal

An den Stämmen sind abgeknickte Äste zu finden, die spärlich Laub tragen. Hier kommen die von Anja Schneider und Daniel Zillmann gespielten Horrorschwestern Caecilia und Amalia bald in ihren pink-schwarzen Kinder-Dirndln einhergehüpft, bald im Trauerlook mit farbenfrohen Socken (Kostüme: Teresa Vergho). Caecilia referiert im sensationslüsternen Klatschbasentonfall am offenen väterlichen Grab, das im Gewächshaus aufgebahrt ist, den Unfallhergang.

Natürlich kommt auch bald der Vater selbst – finster aufs Szenario gestellt von Manfred Zapatka – als Alptraum-Patriarch in Nazi-Uniform aus der Tiefe des Waldes geschritten. Klaftertief ist die Verachtung, mit der Almut Zilcher in einem bemerkenswerten Monolog in der Rolle der von Bernhard ebenfalls als „hysterische Nationalsozialistin“ porträtierten Murau-Mutter von ihrem Mann spricht.

Bernd Moss’ Franz Josef Murau begegnet sich im braunen Wolfsegg-Gestrüpp immer wieder selbst in verschiedenen Lebensaltern. Daniel Zillmann übernimmt neben der Amalia-Rolle auch die des jungen erwachsenen Franz, während sich die beiden Kinderdarsteller Béla Paul Lorenz Otlewski und August Usermann als Schuljungen-Fränze abwechseln und Linn Reusse den sensiblen, nachhaltig leidenden Pubertierenden spielt. Bei einem denkwürdigen Abendessen fantasiert die Mutter beseelten Blickes ein neues nationalsozialistisches Zeitalter herbei, als Begräbnisgäste kommen die alten Nazis in einem Fahrstuhl aus der Tiefe auf die Bühne emporgefahren.

Es ist gewissermaßen ein theatralisiertes Mahnmal, das Henkel hier mit Thomas Bernhard inszeniert. Am Schluss erstarren die Bernhard’schen Figuren im Wald und in den Gewächshäusern wie in Schaukästen. Zeitgenossinnen und Zeitgenossen mit Audioguides kommen auf die Bühne, um sie zu begutachten – als vermeintlich gestrige Museumsexponate.

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