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Auftragsschub für Siemens Mobility : „Der Markt ist großartig“

Michael Peter, Chef von Siemens Mobility, über die Perspektiven der Bahn und die Effekte der digitalen Schiene.

Auftragsschub für Siemens Mobility : „Der Markt ist großartig“

Siemens-Vorstandschef Roland Busch, hier bei der Hauptversammlung im Februar 2022, ist sehr zufrieden mit der Schienensparte des…Foto: Reuters

Deutschland ist kompliziert, auch für die Bahn. Die föderale Struktur mit regionalen Ballungsgebieten und Verkehrsverbünden erschwert die Modernisierung des Schienennetzes. „Ich hoffe auf die neue Regierung“, sagt Michael Peter, Chef der Bahn-Sparte von Siemens. Der Koalitionsvertrag sei vielversprechend, die Modernisierung der veralteten Infrastruktur komme in Sicht. „Bei den knapp 3500 Stellwerken sind 80 verschiedene Technologien im Einsatz“, beschreibt Peter im Gespräch mit dem Tagesspiegel die Ausgangslage. Für bis zu 15 Milliarden Euro sollen diese Stellwerke in den kommenden zehn Jahren digitalisiert werden. Siemens macht das derzeit gemeinsam mit Alstom und Thales bereits im Norden. „Norwegen könnte ein Vorbild sein: Sie sortieren alles an alter Technik aus“, berichtet Peter.

Peter führt den Konzern von Berlin

Der 55-jährige Ingenieur arbeitet seit 30 Jahren für Siemens, seit 2018 als Chef von Siemens Mobility. Vor drei Jahren war die Fusion mit Alstom an der EU- Wettbewerbspolitik gescheitert. Der Ärger darüber ist verflogen; Siemens Mobility ist in hohem Tempo unterwegs und mit knapp zehn Milliarden Euro Umsatz und 40000 Mitarbeitern eine Säule des Siemens-Konzerns. „Wir sind heute sehr glücklich mit unserer Situation“, sagt Peter. 2021 wurden ein paar spektakuläre Großaufträge akquiriert, und auf dem Zukunftsfeld der digitalen Schiene ist man gut aufgestellt. „Bei der Signaltechnik haben wir weltweit einen Marktanteil von 25 Prozent.“ In Deutschland ist der rund doppelt so hoch. „Der Markt ist schon toll“, sagt Peter mit Blick auf den Modernisierungsbedarf.

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Siemens Mobility baut Stadt- und U- Bahnen, Nahverkehrs- und Regionalzüge sowie Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge (ICE). Dazu bietet der Konzerne diverse Dienstleistungen an – wie zum Beispiel in Ägypten, wo im vergangenen Jahr ebenso wie in den USA ein Drei-Milliarden-Dollar-Geschäft abgeschlossen wurde. Über 660 Kilometer baut Siemens die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke Ägyptens. Vom Mittelmeer bis zum Roten Meer installiert der Konzern das Zugsteuerungssystem ETCS sowie ein Signalsystem, „das auf modernster computergesteuerter Stellwerkstechnik basiert“. Der Konzern kümmert sich um den Strom und liefert die Fahrzeuge: 35 Velaro-Hochgeschwindigkeitszüge, 70 Regionalzüge der Reihe Desiro High Capacity sowie 30 Vectron-Loks für den Güterverkehr.

Milliardengeschäft in Ägypten

Inklusive Wartungsservice über 15 Jahre ist das ägyptische Projekt drei Milliarden Dollar schwer. Vorerst. Der im Spätsommer unterzeichnete Vertrag umfasst nur das erste Drittel eines 1800 Kilometer langen Netzes. Über die beiden anderen Strecken einschließlich Schienen-Infrastruktur, Züge und Instandhaltung wird derzeit verhandelt.

Auftragsschub für Siemens Mobility : „Der Markt ist großartig“

Neueste Technik für das Bahnnetz. Der Regionalzug Siemens Mireo.Foto: promo

Das Geschäft läuft. Weltweit haben pandemiebedingte Konjunkturprogramme einen Schub gebracht. Nach dem Fahrrad ist die Bahn das klimafreundlichste Verkehrsmittel und wird allerorten politisch angeschoben. Mit der Flexibilität von drei Plattformen sieht Michael Peter „seinen“ Konzern gut aufgestellt für das Wachstumsjahrzehnt: Auf der Vectron-Plattform entstehen in München-Pallach die Lokomotiven, Velaro ist die Hochgeschwindigkeitsbasis (unter anderem ICE) und für die Regionalzüge Disero und Mireo gibt es eine weitere Plattform. „Basierend auf der jeweiligen Plattformtechnologie können wir Züge innen unterschiedlich ausstatten oder mit alternativen Antrieben wie Batterie oder Wasserstoff bauen“, sagt Peter im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Für DB Cargo als auch die US-amerikanische Amtrak baut Siemens so genannte Zweikraft-Lokomotiven, die sowohl mit Diesel als auch elektrisch betrieben werden können. „Etwa 15 000 Dieselfahrzeuge sind in Europa unterwegs“, sagt Peter. „In zehn Jahren fährt kein Diesel mehr“, glaubt der Manager. Siemens Mobility setzt neben den elektrischen Zügen auch auf Wasserstoff. Mitte des Jahres geht eine neue Generation des Wasserstofffahrzeugs in den Testbetrieb. Nach Konzernangaben mit einer besseren Beschleunigung, sodass der Zug genauso leistungsfähig ist wie elektrische Fahrzeuge. Über die Lieferung einiger Wasserstoffzüge für den Regionalverkehr in Berlin-Brandenburg wird aktuell verhandelt.

Technologieführer bei der Digitalisierung

Rund 1500 Mitarbeiter beschäftigt Siemens Mobility in Berlin, davon etwa die Hälfte in Engineering und Forschung. In Adlershof etwa befassen sich 200 Mitarbeitende mit der digitalen Schiene. „Weil wir ein schlankes Portfolio haben, können wir Forschungsmittel sehr gezielt und effizient einsetzen“, sagt Peter. Der Ingenieur vertraut deutschen Industrietugenden: „Wir wollen über die beste Technologie wachsen.“

Zu möglichen Folgen des Kriegs in der Ukraine will der Konzern nicht spekulieren. Im Juli 2019 hatte Siemens Mobility einen Auftrag der russischen Eisenbahnen über 13 Hochgeschwindigkeitszüge geholt. Das Auftragsvolumen beträgt rund 1,1 Milliarden Euro inklusive Instandhaltung der Züge für eine Dauer von 30 Jahren.

Siemens ist vor allem bei der digitalen Technik stark. „Unsere neuen Stellwerke können komplett in der Cloud laufen“, berichtet Peter von Erfahrungen in Norwegen, wo Störungen inzwischen zu 95 Prozent erkannt werden, bevor eine Weiche ausfällt. Das bringt einen Effizienzsprung und reduziert Aufwand. „Die Wartungskosten halbieren sich und Pünktlichkeit wird erhöht. Es werden auch Anwendungen wie automatisiertes Fahren möglich, wodurch der Energieverbrauch im Betrieb um bis zu 30 Prozent sinkt.“ Kurzum: „Das macht richtig Spaß.“

Norwegen als Vorbild

Norwegen könnte eine Blaupause für Deutschland sein, wo das größte Eisenbahnnetz Europas zu modernisieren ist. Im Koalitionsvertrag befassen sich die Ampelparteien ausführlich mit dem Thema. Die neue Regierung will „erheblich mehr in die Schiene als in die Straße investieren“, bis 2030 drei Viertel des Schienennetzes elektrifizieren und somit Dieselantriebe überflüssiger machen, „die Digitalisierung von Fahrzeugen und Strecken prioritär vorantreiben“ sowie „die Einführung der Digitalen Automatischen Kupplung beschleunigen“. Rund 30 Milliarden Euro werden bis 2035 veranschlagt. Die 3500 Stellwerke hierzulande zu ersetzen ist ein schwieriges Unterfangen, wie Peter berichtet. Erst wenn eine Anlage nach etwa 40 Jahren abgeschrieben sei, könne man neu ausschreiben. Aber jedes Stellwerk einzeln. Ein irrer Aufwand. Das Management des Staatskonzerns Bahn bemühe sich gerade mit der Bundesregierung um eine Lösung.

550 Millionen für eine Softwarefirma

Siemens Mobility stärkt derweil mit viel Geld seine Softwarekompetenz und hat dazu einige Firmen übernommen. Im vergangenen Sommer kaufte Peter für 550 Millionen Euro in den Niederlanden die Firma Squills mit 160 Mitarbeitern. Die Squills-Software trägt dazu bei, die Auslastung der Züge durch intelligente Preisgestaltung zu erhöhen, die Kapazitätsplanung zu erleichtern „und durch den Einsatz einer konfigurierbaren cloudbasierten Lösung die Kosten zu senken“, heißt es bei Siemens Mobility. 33 Bahnbetreiber, darunter SNCF, Irish Rail und Eurostar nutzen die Squills-Programme.

„Wir setzen landesweite Mobility als Service-Lösungen um, etwa in den Niederlanden oder in Spanien, wo 27 Städte angebunden sein werden“, erzählt Peter. Im föderalen deutschen System ist das kaum vorstellbar. Zudem hat die Deutsche Bahn ein eigenes System. Doch die Auslastung von 55 Prozent in den Fernzügen (vor Corona) spricht nicht unbedingt für die Bahn. „Für eine höhere Auslastung kann eine dynamische Bepreisung ein wesentlicher Hebel sein“, sagt Peter und plädiert für ein integriertes Planungs-, Buchungs- und Bezahlsystem. Die teure Tochter aus den Niederlanden sei „beispielhaft für die Plattformphilosophie: Eine Software für alle.“ Idealerweise auch für die deutschen Bahnfahrer.

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