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Attentat auf britischen Schriftsteller : Salman Rushdie hat immer alles riskiert, um die Wahrheit zu sagen

Seit den „Satanischen Versen“ und der Fatwa 1989 gegen ihn war Rushdie in Gefahr – auch weil er eine Symbolfigur für die Meinungsfreiheit ist. Eine Analyse.

Attentat auf britischen Schriftsteller : Salman Rushdie hat immer alles riskiert, um die Wahrheit zu sagen

Der britische Schriftsteller Salman Rushdie (Archivbild von 2008)Foto: Reuters/Dylan Martinez

Es war ein fürchterlicher Schock, als am Freitagmorgen in Chautauqua bei New York ein 24-jähriger Mann auf Salman Rushdie losging und mehr als zehn Mal mit einem Messer auf ihn einstach, auf offener Bühne, kurz bevor Rushdie interviewt und einen Vortrag halten sollte.

Rushdie schwebe in Lebensgefahr, die Folgen für ihn seien schrecklich, wie sein Agent Andrew Wylie in der Nacht mitteilte: „Salman wird wahrscheinlich ein Auge verlieren; die Nerven im Arm wurden durchtrennt und seine Leber wurde durchstochen und beschädigt.“

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Das Thema der Veranstaltung in der Chautauqua Institution: Die USA als Heimat für verfolgte Autoren und Autorinnen aus aller Welt, als Ort, der für die Freiheit des kreativen Ausdrucks steht.

Seit 1989 wird Salman Rushdie verfolgt, seit der Fatwa-Verkündung durch den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeni nach der Veröffentlichung seines Romans „Die satanischen Verse“.

Darin gibt es eine imaginäre Erzählung über die Frühgeschichte des Islams. Eine Figur schildert von Alpträumen geplagt das Leben des Propheten Mohamed. Für Khomeni eine schwere Beleidigung des Islams, des Propheten und des Korans.

Gesichtslose Maske heruntergerissen

Er würde von nun an „ein unsichtbarer Mann mit einer gesichtslosen Maske sein“ – so hat Salman Rushdie die ersten Empfindungen nach dem Todesurteil gegen ihn in seiner vor zehn Jahren veröffentlichten Autobiografie „Joseph Anton“ geschildert. Es folgte ein Leben unter Polizeischutz mit häufigen Wechseln der Wohnorte, mit Namensänderungen und Identitätsverleugnungen.

Doch Rushdie hat sich „die gesichtslose Maske“ wieder vom Kopf gerissen. Er stellte sich fortan die Aufgabe, um seinen Beruf, sein Schreiben zu kämpfen: um die Freiheit der Kunst, des Wortes, des Lesens. Sein Credo, einem Joseph-Conrad-Roman entnommen: „Aber ich muss leben, bevor ich sterbe, oder?“

Der Privatmann Rushdie sei hinter dem Politikum „Rushdie“ verschwunden, erklärte er in „Joseph Anton“, „die Kluft zwischen dem, was ,Rushdie’ tun musste, und dem, wie ,Salman’ leben wollte“ sei immer größer geworden. 

Ob er sich dabei als „Politikum“ irgendwann zu sicher gefühlt hat, er geglaubt hat, ihm würde schon nichts mehr passieren? Die Fatwa wurde 1999 durch den damaligen iranischen Präsidenten Khatami aufgehoben, und doch setzten fundamentalistische iranische Kreise immer wieder ein „Kopfgeld“ auf ihn an. So sagte 2016 der stellvertretende iranische Kulturminister Sayyed Abbas Salehi: „Chomeinis Fatwa ist ein religiöses Dekret, das niemals seine Kraft verlieren oder verblassen wird.“

Erstaunlich ist, dass gerade in den Jahren der Hochzeit des islamistischen Terrors Anfang und Mitte der Zehnerjahre Jahre die Sorge um Rushdie sich in Grenzen hielt. Doch eine Sicherheit gab es für ihn nie mehr, erst recht nicht nach 9/11, das Rushdie in dem Roman „Wut“ verarbeitet hat.

Das geschriebene Wort immer verteidigen

Das Attentat von Freitag zeigt, dass es für ihn immer ein Risiko gewesen ist, sein „Gefängnis“, als das er in den neunziger Jahren sein Leben bezeichnete, zu verlassen und gegen die Religionen „als Rechtfertigung für Unterdrückung, Verbreitung von Angst, Tyrannei und Verübung von Gräueltaten“ vorzugehen, wie er es eine Figur aus seinem 2015 veröffentlichten Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ sagen lässt. 

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Spekuliert wird jetzt, dass der 24-Jährige Attentäter, auch weil er einen muslimischen Hintergrund hat, ein islamistisch motivierter Gewalttäter ist. Doch hätte es auch ein fehlgeleiteter Trump-Anhänger sein können, hat Rushdie sich doch beispielsweise in seinem Roman „Golden House“ über Trump lustig gemacht, oder sonstwer: Salman Rushdie ist seit 1989 eine Symbolfigur für die Meinungsfreiheit, die Freiheit des gesprochenen, geschriebenen Wortes. Dieser furchtbare Angriff auf ihn gilt allen Autoren und Autorinnen dieser Welt; er zeigt, wie gefährdet sie sind, wieviel Risiko sie eingehen, wenn sie die Wahrheit sagen, auf Missstände hinweisen, sich gegen autoritäre Strukturen wenden.

Wie hat es Salman Rushdie gesagt, nachdem der britische Dramatiker Harold Pinter 2008 gestorben ist: „Wir werden die Arbeit fortsetzen und werden das geschriebene Wort und diejenigen verteidigen, die alles riskieren, um die Wahrheit zu sagen.“  

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