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ARD-Vorsitzende Schlesinger über die neue Rolle von Tagesschau24 : „Es steht uns gut an, einen klaren Nachrichtenkanal zu haben“

Die neue ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger will Tagesschau24 zur festen Adresse für internationale, nationale und regionale News ausbauen.

ARD-Vorsitzende Schlesinger über die neue Rolle von Tagesschau24 : „Es steht uns gut an, einen klaren Nachrichtenkanal zu haben“

Seit Jahresanfang ist RBB-Intendantin Patricia Schlesinger zugleich ARD-Vorsitzende. Den Ausbau von Tagesschau24 hat sie bereits…Foto: Thomas Ernst/RBB

Frau Schlesinger, die Intendantinnen und Intendanten der ARD haben beschlossen, Tagesschau24 kräftig auszubauen. Was ist geplant?
Ich begebe mich mal in ein Bild: Geplant ist, das Besteck aus der Schublade zu holen, an den Tisch zu bringen, ordentlich zu sortieren und dann damit zu essen. Wir planen, Tagesschau24 im Breaking-News-Fall mit klaren, umfassenden Informationen richtig gut aufgestellt zu haben, aber auch an nachrichtenärmeren Tagen stärker Informationen in den Mittelpunkt zu stellen.

Also weniger Dokus, möglichst gar keine Wiederholungen, keine Talks und keine politischen Magazine. Stattdessen ein Nachrichtenkanal mit vielen Schalten, Bildern und Gesprächen, der umfassend zu jeder Zeit informiert. Inklusive regionaler Fenster, mit Zulieferungen des neuen Kulturportals in Weimar, mit der Börse aus Frankfurt, mit dem Wetter.

Was ist der Zweck der Unternehmung?
Wir wollen dem Zuschauer etwas anbieten, was es so zuvor nicht gab: eine Adresse für internationale, nationale und regionale News, digital wie linear. Wenn zum Beispiel in Bayern ein Tal überschwemmt wird oder in Köln eine Brücke einstürzt, können wir von den ARD-Regionalsendern durchschalten, zum Beispiel von BR24.

Idealerweise läuft es so wie am Dienstag beim Besuch von Bundeskanzler Scholz in Moskau: Wir berichten darüber in der Hauptausgabe der „Tagesschau“, und der Sprecher verweist auf die Sondersendung auf Tagesschau24 im Anschluss. Wer mehr will, bekommt auch mehr.

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Fällt der „Brennpunkt“ im Ersten dann weg?
Den gibt es selbstverständlich weiterhin, denn der „Brennpunkt“ ist für uns das Gefäß für Breaking News im Ersten. Aber: In der Vergangenheit wurde uns öfter vorgeworfen, nicht schnell genug reagiert zu haben. Mit dem Tagesschau24-Kanal können wir nun schneller umschalten als bisher.

Dafür muss aber auch der Nachrichten-Apparat in Bewegung kommen.
Das hat sich in den letzten Jahren schon deutlich verbessert. Kommunikationsketten wurden anders aufgebaut und verkürzt. So was wie bei Notre Dame und beim Sturm aufs Capitol würde heute nicht mehr passieren. Tagesschau24 ist eine echte Bank dafür. Ich begreife den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Teil des Rückgrats der Demokratie.

Wir sind ein großes Vertrauensmedium. Es steht uns gut an, einen klaren Nachrichtenkanal zu haben mit einer Adresse im Netz und im linearen Fernsehen.

[Patricia Schlesinger ist seit Juli 2016 Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Seit Jahresanfang ist sie zudem die Vorsitzende der ARD.]

Von wem ging die Initiative aus?
Ich habe von Mai vergangenen Jahres an zusammen mit NDR-Intendant Jochen Knuth (dort ist ARD aktuell angesiedelt, Anm. d. Redaktion) darüber geredet. Wir waren uns schnell über die Notwendigkeit einig.

Ich bin ein News-Junkie, begreife meine Position als Vorsitzende der ARD auch als journalistischen Vorsitz und wünsche mir schon lange einen guten, öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Kanal. Zu informieren ist unsere vornehmste Aufgabe. Demokratie braucht informierte Bürgerinnen und Bürger.

Gab es einen direkten Anlass?
Es ist eher die Erfahrung, was das System ARD leisten kann. Gute, klare Nachrichten gehören zu unseren Kernaufgaben. An der Stelle können wir noch deutlich besser werden. Und dafür ist der Vorsitz innerhalb der ARD gut.

Ich habe das bei der Strategiesitzung Mitte Januar eingebracht, dort haben wir den Ausbau von Tagesschau24 das erste Mal besprochen und an einzelnen Punkten gearbeitet. Am Dienstag haben es die Intendantinnen und Intendanten beschlossen.

Einstimmig?
Ja. Darauf haben wir sehr viel Wert gelegt, weil für diese Veränderung alle Rundfunkhäuser gebraucht werden. Es ist egal, ob etwas in Saarbrücken, Köln oder Leipzig passiert. Wir müssen alle gemeinsam daran mitwirken, auch mit der Crossmedialität von Hörfunk, Fernsehen und Online, die wir inzwischen haben.

ARD-Vorsitzende Schlesinger über die neue Rolle von Tagesschau24 : „Es steht uns gut an, einen klaren Nachrichtenkanal zu haben“

Michail Paweletz gehört zum Team der Sprecher und Moderatoren von Tagesschau24.Foto: NDR/Thorsten Jander

Wer entscheidet über das Programm?
Die Entscheidungen liegen bei der Redaktion der „Tagesschau“ in Hamburg. Dort wird dann festgelegt, was Breaking-News-Charakter hat und was nicht.

Was aber, wenn der zuständige Korrespondent gerade nicht verfügbar ist? Wird dann auf Material zum Beispiel von CNN zurückgegriffen?
Genau um solche Fragen geht es. Wenn ein Team da ist, umso besser. Falls nicht, können wir zum Beispiel auf einen Hörfunkkorrespondenten zurückgreifen. Auch mit einem Smartphone kann man heute sehr gute Bilder machen. Oder aber man bedient sich aus den Nachrichtenströmen, die bei der „Tagesschau“ ankommen, beispielsweise vom französischen Fernsehen. Das muss dann je nach Situation besprochen werden.

Damit tritt Tagesschau24 in direkte Konkurrenz zu CNN, BBC und Al Dschasira.
Diese drei News-Sender sind englischsprachig. Wir sind und bleiben ein deutsches Medium, das auch deutsch sendet. Deswegen gibt es da keine direkte Konkurrenz. Wir werden weiterhin auf den deutschen Markt zugeschnitten sein.

„Wir werden kein rotes Band durchschneiden. Wir gehen das Schritt für Schritt an.“

Wann ist Big Bang für das neue Tagesschau24?
Einen Big Bang wird es nicht geben. Wir reden seit Mai 2021 darüber, auch in Vorbereitung auf den ARD-Vorsitz. Bereits jetzt fließen mehr Ressourcen und einige Formate dorthin. Wir werden also kein rotes Band durchschneiden und sagen, ab jetzt ist Tagesschau24 der große Nachrichtensender.

Wir gehen das mit den ARD-Häusern Schritt für Schritt an. In einem Jahr – so haben wir es verabredet – wird evaluiert, ob wir es gut gemacht haben, ob etwas fehlt oder ob wir etwas anderes tun müssen.

Wer weiß denn derzeit überhaupt, dass Tagesschau24 sendet?
Betrachten wir es mal andersherum. Eines der erfolgreichsten Formate auf den Social-Media-Kanälen Facebook, Youtube, Instagram und Tiktok ist die „Tagesschau“. Dort lässt sich Neugier und Interesse wecken. Linear kommt die „Tagesschau“ um 20 Uhr auf zwölf Millionen Zuschauer, im Web und über die App kommen sechs Millionen Nutzerinnen und Nutzer dazu. Auch hier werden Hinweise auf Sondersendungen funktionieren.

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Sehr schöne Zahlen, zweifellos. Wen aber erreicht Tagesschau24 derzeit?
Die tägliche Reichweite liegt bei 2,4 Millionen Menschen.

Was werden die Unterschiede zu den privaten Nachrichtensendern Welt und n-tv sein, mit welchen Reaktionen des Privatsenderverbands Vaunet rechnen Sie?
Tagesschau24 ist werbefrei. Wir sind in der ARD föderal aufgestellt und damit regional verankert, werden gute, klare Nachrichten machen, sie einordnen und mit Schalten zu Korrespondenten und Gesprächspartnern anreichern. Kultur, Wirtschaft, Sport: Nichts davon werden wir auslassen. Die ARD hat das größte weltumfassende Korrespondentennetz, um Ereignislagen vor Ort zu reportieren.

Wir sind ein Qualitätsmedium – aber wir sind nicht das einzige. Gemeinsam bilden wir einen Teil des Rückgrats der Demokratie, die informierte Bürgerinnen und Bürger braucht. Vor diesem Hintergrund ist es der richtige Weg für einen Senderverbund wie die ARD, endlich einen Nachrichtenkanal auf die Beine zu stellen.

ARD-Vorsitzende Schlesinger über die neue Rolle von Tagesschau24 : „Es steht uns gut an, einen klaren Nachrichtenkanal zu haben“

Die Nachrichtenzentrale. IM Newsroom von ARD-aktuell beim NDR in Hamburg entstehen die Nachrichtensendungen.Foto: NDR/ARD-aktuell/Sker Freist

Trotzdem wird nicht allerorten ein Jubelsturm ausbrechen.
Das würde ich bedauern. Lieber wäre mir, wir würden mehr kooperieren, denn dieses Land hat es verdient, bestens informiert zu werden. Als RTL seine Informationsoffensive begann, habe ich gesagt: sehr gut. RTL erreicht mit „RTL Direkt“ andere Menschen, aber eben Menschen, die informiert werden wollen. Mehr Nachrichten für mehr Menschen, so muss es sein.

Es gibt keinen Grund für einen Senderkrieg, wir machen ja keinen neuen Kanal auf, sondern einen schon bestehenden besser. Auch die Verleger können beruhigt sein. Wir werden die textbasierten Angebote nicht über das vereinbarte Maß hinaus erweitern.

„Manche Dinge muss man entscheiden, weil sie richtig sind“

Ist das Projekt, Tagesschau24 gerade jetzt zum umfassenden Nachrichtenkanal aufzunorden, nicht kontraproduktiv zum laufenden Prozess der Rundfunkkommission der Bundesländer, die Auftrag und Struktur der öffentlich-rechtlichen Anstalten neu fassen will?
Manche Dinge muss man auch entscheiden, weil sie richtig sind. Wir haben natürlich darüber nachgedacht, was das bedeutet für die Auftragsdefinition, die uns alle beschäftigt. Information aber ist qua Auftrag unsere vornehmste Aufgabe – und genau das machen wir. Wir fordern dafür nicht mehr Geld, wir sagen nur: wir sortieren neu.

Viele sagen uns doch: Ein Nachrichtenkanal? Zeit wird’s! Die aktuelle Auftragsdiskussion konzentriert sich auf andere Punkte, insonderheit auf die Unterhaltung, die Arbeit der Gremien und die Flexibilisierung des öffentlich-rechtlichen Auftrags.

Die ARD hat mit dem ZDF beim Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix gut zusammengearbeitet. Warum jetzt diese Solonummer ohne das ZDF? Und was wird aus Phoenix?
Phoenix bleibt der Ereigniskanal, selbstverständlich, Pheonix bleibt Heimat für planbare Aktualität, mit Fokus auf Liveverbreitung von politischen Ereignissen, ob das die Vereidigung eines Bundeskanzlers oder die Wahl eines Bundespräsidenten ist. Mit dem ZDF kooperieren wir gut und gern dort, wo es sinnvoll ist. Ein Beispiel ist das gemeinsame „Mittagsmagazin“.

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