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Angleichung der Arbeitszeit : Im Osten geht nur langsam die Sonne auf

Nach 20-jährigen Bemühungen schafft die IG Metall einen Einstieg auf den Weg in die 35-Stunden-Woche. Ein Kommentar über Ost und West.

Angleichung der Arbeitszeit : Im Osten geht nur langsam die Sonne auf

Streikende Mitarbeiter sitzen im Sommer 2003 vor der Glaesernen Manufaktur der Volkswagen AG in Dresden. Der damalige Arbeitskampf…Foto: DDP

Baden-Württemberg und Sachsen sind Industrieländer mit einer mehr als 100-jährigen Tradition im Fahrzeug- und Maschinenbau. Im Südwesten sind Daimler und Porsche, Bosch und ZF zuhause, und in Sachsen haben diese und andere Konzerne nach der Einheit große Standorte übernommen und/oder aufgebaut. Nirgendwo sonst in der Industrie sind die Löhne so hoch wie in Baden- Württemberg; hier im Südwesten ist die IG<TH>Metall so stark, dass sie in einem langen Arbeitskampf unter dem Logo der aufgehenden Sonne Mitte der 1980er Jahre die schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche durchsetzte.

Der Arbeitskampf 2003 ging verloren

Die Politik in Sachsen ging nach 1990 auf einen stramm wirtschaftsliberalen Kurs und warb mit niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten um Investitionen; im Freistaat verlor die eigentlich unschlagbare IG Metall 2003 einen Arbeitskampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche.
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Bei der Verarbeitung jener spektakulären Niederlage ist die Gewerkschaft jetzt einen Schritt vorangekommen. Seit 2018 hatten sich Metaller bemüht um einen Fahrplan Richtung 35-Stunden-Woche, den vor allem die Ost- Beschäftigten der West-Konzerne endlich sehen wollen. Bei VW<TH>in Zwickau oder Daimler in Ludwigsfelde arbeiten sie jede Woche drei Stunden länger als die Kollegen in Wolfsburg oder Stuttgart. <TH>Über das ganz Jahr sind die Metaller im Osten einen Monat länger in der Fabrik als im Westen. Mehr als 30 Jahre nach der Einheit ist das insbesondere in den hochproduktiven Betrieben für viele Beschäftigte nicht mehr akzeptabel.

Flächentarif ohne Bindung

Die IG Metall hat im Osten viel weniger Mitglieder als im Westen, weshalb sie die Arbeitgeber nur mittelbar unter Druck setzen kann: Entweder ihr findet mit uns eine Lösung im Flächentarifvertrag, oder wir erzwingen dort Haustarife, wo wir stark sind: In den großen Betrieben. Das wäre ein weiterer Sargnagel gewesen für den Branchen- oder Flächentarif, der gerade in Sachsen vom Aussterben bedroht ist. Weniger als 100 von 1800 Industriefirmen sind im Freistaat tarifgebunden. Ohne den Druck von BMW und Porsche, die in Leipzig Autos bauen, hätte der sächsische Arbeitgeberverband die nun gefundene Regelung, die zwischen Flächen- und Haustarif verortet ist, nicht unterschrieben.

Die Tarifparteien setzen einen Rahmen, den die Geschäftsführung mit dem Betriebsrat vor Ort in Richtung 35 Stunden füllen kann. Im Verlauf des Jahrzehnts wird die tarifliche Arbeitszeit auf Westniveau sinken. Arbeitgeber mit Weitblick wissen, wie wichtig das ist. Gespaltene, demotivierte Belegschaften sind gefährlich in Zeiten des Fachkräftemangels. Das gilt auch für das traditionsstarke Industrieland Sachsen, das als Billigstandort keine Zukunft hat.

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