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Amanal Petros beim Halbmarathon in Berlin : Die tieftraurige Lebensgeschichte des Ausnahmeläufers

Amanal Petros ist der deutsche Star beim Halbmarathon in Berlin. Seine Biografie ist dramatisch und begründet vielleicht auch seinen Erfolg.

Amanal Petros beim Halbmarathon in Berlin : Die tieftraurige Lebensgeschichte des Ausnahmeläufers

Amanal Petros ist auf Rekordjagd.Foto: IMAGO/Beautiful Sports

Mit Latein hat es Amanal Petros nicht besonders. Am Freitag erzählt die Langstreckenläuferin Deborah Schöneborn auf der Pressekonferenz zum Berliner Halbmarathon von ihrem Läuferknie, in der Fachsprache Tractus iliotibialis genannt, da unterbricht sie Petros und sagt: „Diese lateinischen Begriffe. Das konnte ich mir nie merken. Deswegen habe ich mal eine Ausbildung nach ein paar Monaten abgebrochen.“

Ansonsten aber muss man sagen, dass Amanal Petros sein Ding bislang ziemlich eisern durchgezogen hat. Vielleicht lässt sich die Willensstärke des 26-Jährigen mit seiner Biografie erklären. Es ist eine durchaus finstere Lebensgeschichte. Petros wuchs im Südosten Eritreas auf und war gerade mal zwei Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter flüchtete mit ihm und seiner Schwester nach Äthiopien. Sie landeten im nächsten Krisengebiet, im Grenzgebiet Tigray, wo die Lage seit November 2020 eskaliert.

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Petros flüchtete Ende 2011 als Sechzehnjähriger nach Deutschland. Seiner Mutter sagte er nichts. „Sie hätte mich nicht fortgelassen“, sagte er dem Tagesspiegel. „Ich bin einfach verschwunden.“ Petros verschwand, um in einem neuen Leben aufzutauchen. In Deutschland ergriff er seine Chance; strebsam meisterte er seine Aufgaben, schaffte den Einbürgerungstest locker, lernte die Sprache schnell und absolvierte – nur wenige Jahre im Land – den Realschulabschluss.

Vor allem aber lief er seinen Gegnern davon. Seine ersten Wettkämpfe, Volksläufe rund um Bielefeld, gewann er allesamt. Bei seiner ersten deutschen Jugendmeisterschaft 2013, also nur wenige Monate, nachdem er sich zum ersten Mal als Läufer versucht hatte, wurde er Vizemeister über 5000 Meter. Allen Beobachtern der deutschen Leichtathletik war nach diesem Lauf klar, dass Petros das Potenzial für die ganz großen Zeiten hat.

Die großen Zeiten sind gekommen, Petros hält den deutschen Rekord sowohl über die Halbmarathon- (60:09 Minuten) wie auch die Marathonstrecke (2:06:27 Stunden). Das wirklich Spannende dabei: Auf beiden Strecken ist Petros noch ein Neuling. Sollte er sich nicht verletzen, werden wohl neue Rekorde purzeln. Der erste womöglich schon beim Halbmarathon in Berlin. „Ich will mir den deutschen Rekord greifen“, sagt er am Freitag und meint damit seinen eigenen Rekord.

Das Wetter könnte seinen Rekordversuch ausbremsen

Auf der Pressekonferenz in einem Hotel in der Stauffenbergstraße in Berlin trägt Petros eine lange, graue Hose sowie eine dunkelblaue, winddichte Jacke. Wetterfeste Kleidung dürfte auch am Renntag am Sonntag nicht schaden. Zum Start ab 10:05 Uhr wird es wohl Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt geben. „Das sind nicht meine liebsten Bedingungen“, sagt Petros. Für ihn seien 10 bis 17 Grad optimal. „Aber man muss als Läufer auch damit zurechtkommen.“ Schwieriger als ihm dürften die Temperaturen seinen Pacemakern fallen. „Sie kommen aus Kenia und sind da etwas empfindlicher als ich.“

Petros ist die Einstellung seines Rekords trotzdem zuzutrauen. „Ich lerne schließlich jeden Tag.“ Vor wenigen Wochen war er einen Halbmarathon in Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten viel zu schnell angegangen. „Zumal ich in den Wochen zuvor sehr viel und sehr hart trainiert hatte“, erzählt er. Seine Durchgangszeit bei 15 Kilometern betrug 43:10 Minuten, so schnell war noch nie ein Deutscher über diese Distanz unterwegs. Doch dann kam der Einbruch, am Ende kam Petros in 62:36 Minuten ins Ziel.

Die sportlichen Ambitionen von Petros sind mindestens genauso groß wie sein Potenzial. Eine Zeit unter 60 Minuten will er schon bald knacken, genauso seinen eigenen Rekord über den Marathon. Es ist aber nicht so, dass Petros seine Heimat vergessen hat, nur weil er sie verlassen hat. Er bangt um seine Familie, zu der er schon seit vielen Monaten keinen Kontakt mehr halten kann. Durch den Krieg in der Ukraine seien viele andere Konflikte in den Hintergrund getreten, sagt er. „Dabei ist jeder Krieg schrecklich.“ Amanal Petros will seine sportlichen Schlagzeilen auch nutzen, um an das Leid der Menschen in Tigray zu erinnern. Sein allergrößter Wunsch ist: „Irgendwann meine Mama umarmen.“

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