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50 Jahre „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ : Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen

Rosa von Praunheims Film sorgte auch in der schwulen Community für Kontroversen. Der Regisseur erinnert sich.

50 Jahre „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ : Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen

Posieren im Strandbad. In Praunheims Debüt cruisen die schwulen Jungs ungeniert.Foto: Rosa von Praunheim

Es sind harsche Worte, doch sie haben ihren Schöpfer berühmt gemacht: „Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie, noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden.“ Was zunächst klingt wie eine homophobe Attacke, ist in Wahrheit das Gegenteil: Ein Schwuler beschimpft andere Schwule – um sie aus ihrer Lethargie zu reißen.

Der knapp über eine Stunde lange Film, dem das Zitat entstammt, war Rosa von Praunheims erste große Regiearbeit und einer, wenn nicht der Auslöser der bundesrepublikanischen Schwulenbewegung der 70er Jahre. Er trägt den sich herrlich spreizenden Titel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – und feiert an diesem Samstag Fünfzigsten. Die Uraufführung fand am 3. Juli 1971 im Forum der Berlinale statt, die damals noch ein Sommerfestival war.

Ein Besuch bei Rosa von Praunheim in seiner Wilmersdorfer Wohnung

Zeit also, Rosa von Praunheim in seiner Wilmersdorfer Wohnung zu besuchen und ihn zu fragen, wie er heute auf eine Arbeit blickt, die immer noch zu seinen berühmtesten gehört – auch wenn er inzwischen über 150 Filme gedreht hat. Doch wer meint, der Regisseur und Aktivist, der in seinem Leben so viel provozierte und ertrug, habe Zeit, über Vergangenes nachzudenken, der irrt. Obwohl er kommendes Jahr 80 wird, dampft die Praunheimsche Kreativitätsfabrik unermüdlich weiter, aktuell entsteht ein Film über Schlagersänger Rex Gildo. Ständig durchqueren neue Gesichter das Wohnzimmer.

Wo kommen die alle her? „Das ist Kilian Berger“, erklärt Rosa, der sofort duzt und mit buddhahafter Erdung auf einem Stuhl sitzt, während sich seine Schlange Honey im Terrarium ringelt. „Kilian wird den jungen Rex spielen, Ben Becker seinen Entdecker und Manager.“ Wenige Wimpernschläge später strebt Kai Schumann in Richtung Küche, Darsteller des älteren Rex.

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Rosa von Praunheim, geboren in Riga als Holger Mischwitzky, hat „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ aus der Unschuld und Wut der Jugend heraus gedreht, sagt er – wie auch seinen im gleichen Jahr entstandenen zweiten Klassiker „Die Bettwurst“. Aus Zorn auf die verklemmten Schwulen der 50er und 60er Jahre: „Für die bürgerlich Angepassten mit Schrankwand war ein gelber Pullover schon ein modisches Highlight. Bei denen war ich, exzentrisch wie ich aussah, barfuß und mit Pelzmantel, natürlich nicht beliebt.“

Allerdings muss man, um das Verhalten schwuler Männer damals besser verstehen zu können, die Gefahren kennen, denen sie ausgesetzt waren – in Form des unter den Nazis verschärften, berüchtigten Paragraph 175. Er bestrafte Homosexualität mit Gefängnis und wurde erst 1969 liberalisiert. Bis dahin waren in der Bundesrepublik doppelt so viele Männer wegen Homosexualität verurteilt worden wie im NS-Staat. Gestrichen wurde der Paragraph erst 1994.

50 Jahre „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ : Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen

Rosa von Praunheim vor einem seiner Bilder.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Man kann den Filmtitel leicht missverstehen. Was klingt wie eine Anklage gegen die Gesellschaft, richtet sich in Form einer negativen Pädagogik an die Homosexuellen selbst: Eure Reaktion auf die Unterdrückung ist falsch, eignet sie euch nicht an! Im „kitschigen“ (O-Ton Rosa) Drehbuch kommt der junge Daniel, gespielt von Bernd Feuerhelm, nach Berlin und durchlebt typische Stationen: junge Liebe, Enttäuschung, ältere Liebhaber, Posen im Strandbad Wannsee, Kneipen, Sex im Park und auf öffentlichen Toiletten, Tuntenbars – alles in statischen, tableauartigen Bildern, die die Herkunft des Regisseurs aus der Malerei verraten.

Der Sprengstoff liegt in den von Rosa – der vom Soziologen Martin Dannecker beraten wurde – geschriebenen, in pastoralem Ton über die Szenen gelegten Kommentaren: „Schwule versuchen, die bürgerliche Ehe zu kopieren. Anstatt die, denen sie ihr ganzes Unglück verdanken, zu hassen, wäre es ihr größtes Glück, eine von Kirche und Staat erlaubte lebenslange Zweierbeziehung einzugehen.“ Oder: „Bildung und Kunst werden von den Schwulen als Flucht vor ihren Problemen dankbar angenommen. Für sie bleibt Kunst so oberflächlich und folgenlos, wie wenn Heydrich Klavier spielte.“ Das schlug ein wie eine Bombe. „Bei der Berlinale“, erinnert sich Rosa, „traute sich erst niemand in den Saal.“

„Werdet erotisch frei und sozial verantwortlich!“ lautet die Schlussparole

Alles läuft auf die Schlussszene zu, in der sechs nackte Männer im Bett sitzen und fordern: „Werdet erotisch frei und sozial verantwortlich! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen, Freiheit für die Schwulen!“ Die Reaktionen teilten sich in zwei Strömungen: entsetzte Abwehr bei den Bürgerlichen („Das bringt uns wieder ins KZ“), wütende Flucht nach vorn im studentischen Milieu („So spießig sind wir nicht!“). Es gründeten sich zahlreiche Gruppen, die Homosexuelle Aktion Westberlin, die noch heute bestehende AHA (Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft) oder das SchwuZ. Und auch die deutsche Sprache veränderte sich: Dass „schwul“ heute für viele ein selbstverständlicher Begriff ist, den sie sich selbstbewusst anheften (auch wenn er auf Schulhöfen nach wie vor die schlimmstmögliche Beleidigung darstellt), liegt auch an der gebetsmühlenartigen Wiederholung des Wortes im Film. „Ich würde mir wünschen, dass auch andere Minderheiten ihre negativen Bezeichnungen ins Positive umwandeln, aber das muss jede Minderheit für sich entscheiden“, sagt Rosa dazu heute.

In der Aidskrise nahm von Praunheim die Rolle der Kassandra ein

Der Film wurde im Januar 1972 erstmals im Spätprogramm des WDR ausgestrahlt, bundesweit in der ARD ein Jahr später, wobei sich der Bayrische Rundfunk ausklinkte. Nach Aufführungen gab es grundsätzlich eine Diskussion mit Martin Dannecker und dem Regisseur selbst, dem es schon damals nicht an Selbstbewusstsein mangelte. „Dannecker war der Intellektuelle, ich der Hübsche, den alle geil fanden. Sie haben meine Argumente gekauft, weil ich so sexy aussah.“ Dannecker wohnt auch heute noch ganz in der Nähe, doch die Wege der beiden trennten sich während der Aidskrise der 80er Jahre. In erstaunlichen Parallelen zur Coronakrise gab es auch damals eine Fraktion, der Dannecker oder der spätere „Liebe Sünde“-Moderator Matthias Frings angehörten und die die Freiheit der Sexualität gegen die Safer-Sex-Regeln verteidigen wollte.

Die Argumentationslinie war: „Sie werden alles verbieten und zum Schluss die Homosexualität selbst. Nicht das Virus ist gefährlich, sondern die Panikmache der Presse.“ Rosa, der in New York die verheerenden Auswirkungen von Aids mit eigenen Augen erlebt hat, nahm in der deutschen Diskussion die Rolle der Kassandra ein und machte sich keine Freunde, wieder einmal.

Zuletzt widmete sich der Regisseur vor allem geschichtlichen Themen

Vom politischen Film ist Rosa abgekommen, zuletzt hat er sich vor allem mit geschichtlichen Themen wie Homosexualität in der Goethezeit oder mit Operntunten beschäftigt. Trotzdem die Frage: Sind „Homosexuelle“ heute erotisch frei? Wäre so ein Film heute noch nötig? „Vielleicht nicht in Deutschland, aber ein Blick nach Polen, Ungarn, China oder zu den Evangelikalen in den USA zeigt, dass der Kampf noch lange nicht vorbei ist“, sagt er. „Und selbst bei uns ist es für einen jungen Schwulen immer noch psychologisch so eine Sache, sich zu outen und eventuell die Liebe seiner Eltern zu verlieren.“

Noch immer spürt man bei ihm die stille Bewunderung für Heterosexuelle, die erst drei Mal essen gehen müssen, bevor es zum Sex kommt – dadurch aber einen ganz anderen Zugang zum Menschen erhalten. „Die Grundsatzkritik, die mein Film übt, ist nach wie vor aktuell. Die Oberflächlichkeit vieler schwuler Beziehungen, in denen der Blick auf die Schwanzgröße echte menschliche Begegnung ersetzt, hat sich durch das Internet formal verlagert, ist aber im Wesentlichen gleichgeblieben.“

[Am 4. Juli um 23.20 Uhr im WDR. Der Film ist auch auf Amazon Prime verfügbar, die DVD wird 2021 neu aufgelegt.]

Ob sich da nochmal was dran ändert? Rosa antwortet, wie es sich für einen Regisseur gehört: mit einem Filmskript, das er vor zwanzig Jahren verfasst hat. „Ein Schwuler und eine Lesbe leben in einer Zeit, in der Sexualität abgeschafft und der Orgasmus technisch hergestellt wird. Sie ahnen, dass sie hier nicht hergehören und treffen auf Professor Quark, der sich aus einem Blumentopf materialisiert. Mit ihm reisen sie durch die schwul-lesbische Geschichte und schließlich auf einen anderen Planeten, wo der Regenbogen prangt und alle frei und fröhlich sind.“ Klingt zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht dreht er den Film ja noch.

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